‚impressions‘ sind Ursprung des Denkens, Vorstellens und der Ideen

Gleich im zweiten Abschnitt seiner Enquiry of Human Understanding ignorierte Hume jahrhundertealte strittige Fragen der metaphysischen Erkenntnistheorie und fand einen völlig anderen Ansatzpunkt über den Ursprung menschlichen Denkens, menschlicher Vorstellungen und Ideen zu sprechen.

Es ging um die Frage: Wie kommt es, dass Menschen Gedanken, Vorstellungen und Ideen haben?

“ Nichts erscheint auf den ersten Blick so schrankenlos, wie das menschliche Denken; es entzieht sich nicht allein jeder menschlichen Macht und Autorität, sondern überschreitet auch die Grenzen der Natur und der Wirklichkeit. Ungeheuer zu erschaffen und widersprüchliche Gestalten zu neuen Erscheinungen zusammenzusetzen, kostet die Einbildungskraft nicht mehr Mühe, als die Vorstellung des natürlichsten und bekanntesten Gegenstandes. Während der Körper auf einem Planeten beschränkt ist, auf dem er mühsam und schwerfällig herumkriecht, kann das Denken uns in einem Augenblick in die entferntesten Gegenden des Weltalls tragen; ja selbst darüber hinaus in das grenzenlose Chaos, wo die Natur in gänzlicher Verwirrung liegen soll. Was man nie gesehen oder gehört hat, kann man sich doch vorstellen; kein Ding ist der Macht der Gedanken entzogen, mit Ausnahme dessen, was einen unbedingten Widerspruch einschließt. Obgleich indes unsere Gedanken diese unbegrenzte Freiheit zu besitzen scheinen, zeigen sie sich doch bei näherer Untersuchung in Wahrheit in sehr enge Grenzen eingeschlossen. Ich behaupte, diese schöpferische Energie des Geistes verdanken wir lediglich unserem Talent das Material – das uns Sinne und Erfahrung liefern – neu zusammenzustellen, zu übertragen, zu erweitern oder zu beschränken. …alle unsere Gedanken, Vorstellungen oder Ideen sind Nachbilder unserer ‚impressions‘, d.h. lebhafteren Empfindungen.

Bisher hat sich für mich gezeigt, dass jeder noch so komplexe Gedanke bzw. jede noch so komplexe Vorstellung [bzw. Theorie], sich auf einfache Vorstellungen zurückführen lässt, die frühere ‚impressions‘ nachahmt. Selbst solche, die auf den ersten Blick aus anderer Quelle zu stammen scheinen  – wie unsere Vorstellung Gottes als eines unendlich klugen, weisen und guten Wesens – entstehen, indem wir unsere menschlichen Handlungsweisen reflektieren und die so gewonnenen Vorstellungen maßlos steigern und dann der Natur Gottes als das “Gute und Weise schlechthin” zuschreiben. Wir können unsere Nachforschungen in jede nur denkbare Richtung ausdehnen. Wir werden immer wieder feststellen können, dass jeder Gedanke, jede Idee, jede Vorstellung, [jede Theorie] die wir prüfen, vergleichbaren ‘impressions’ nachgebildet worden ist. Diejenigen, die behaupten möchten, dass diese Feststellung weder allgemein noch ausnahmslos gültig sein kann, haben bloß eine Möglichkeit sie zurückzuweisen: Sie sollten einen Gedanken, eine Vorstellung, eine Idee, [eine Theorie] produzieren, die ihrer Meinung nach einen anderen Ursprung hat.

Ein Mensch, der wegen eines organischen Defektes bestimmte ‚impressions‘ nicht wahrnehmen kann, kann sich keine entsprechende Vorstellung machen. Ein Blinder kann keine Vorstellung von Farben, ein Tauber keine von Tönen sich bilden. Wenn der organische Defekt behoben wird, so ist mit der Öffnung dieses neuen Kanals für seine Empfindungen auch ein Kanal für seine Vorstellungen eröffnet, und es ist ihm leicht, sich das Betreffende vorzustellen.

Ebenso verhält es sich, wenn wir von einem Gegenstand noch keine ‚impressions‘ hatten. Ein Lappländer oder Neger hat keinen Begriff vom Weingeschmack. … Ein sanftmütiger Mensch kann sich keine Vorstellung von unverbesserlicher Grausamkeit und Rache machen, und ein Egomane kann sich kaum die Freuden von Freundschaft und Großherzigkeit vorstellen. Menschen geben auch zu, dass andere Wesen Empfindungen von Dingen haben mögen, von denen wir keine Vorstellung haben, weil uns die entsprechenden ‚impressions‘ fehlen, durch die der Mensch allein Vorstellungen bekommen kann.“

DAVID HUME: ENQUIRY CONCERNING HUMAN UNDERSTANDING, Section II

Der Text der ENQUIRY CONCERNING HUMAN UNDERSTANDING in gut lesbarem Englisch PDF

Anmerkung zum Copyright: Dieser englische Text ist von seinem Autor Jonathan F. Bennett zur non-profit Veröffentlichung in jeder Art von Medium freigegeben. Er findet sich auch auf Bennett’s Website unter http://www.earlymoderntexts.com/f_hume.html

Kommentar Humes zum Erfolg der ENQUIRY: „…this piece was at first little more successful than the Treatise of Human Nature.“ (Hume: „My Life“)

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