Menschenwissenschaft IV



Forschen besteht im ‚perzipieren‘ (‚wahrnehmen’=’sensorieren‘) und ‚reasoning‘ (‚ueberlegen‘), was Hume auch mit ‚experience‘ bezeichnet. Im Unterschied zu Naturwissenschaftlern koennen MENSCHENWISSENSCHAFTLER (Philosophen) keine vorbereitete Laborsituation erforschen, sondern sie sind darauf angewiesen von den Situationen Gebrauch zu machen, die der Alltag hergibt. Erst wenn dieses Beobachten den Grad der Saettigung fuer den Beobachter erreicht hat, kann damit begonnen werden ‚principles‘ zu finden.  

 „Keine Wissenschaft laesst sich ohne Forschen begruenden, kein Prinzip kann Basis fuer anderes sein, das auf diese Autoritaet* verzichtet. Die Philosophie des Inner- und Zwischenmenschlichen hat folgenden spezifischen Nachteil, der sich nicht in den Naturwissenschaften findet. Er besteht darin, dass ich das, was ich im Einzelnen erforscht habe, erst einmal sammeln musste, ohne mir bereits im Vorwege darueber klar werden zu koennen, was ich naeher untersuchen moechte. Erst im Anschluss an das Sammeln, wenn gleichsam bei mir eine Art Saettigung eingetreten war, habe ich mich mit dem jeweiligen Problem beschaeftigt, das sich dabei fuer mich aufgetan hatte. In den Naturwissenschaften kann ich, wenn ich die Wirkungen eines Koerpers auf einen anderen in irgendeiner Situation kennen lernen moechte, die beiden Koerper in die gewuenschte Situation bringen und beobachten, was sich daraus ergibt. Vergleichbares ist in der Philosophie des Inner- und Zwischenmenschlichen nicht moeglich: Ich kann nicht mich selber und das, was ich beobachte auf gleiche oder aehnliche Weise zusammenbringen. Die dazu noetige Reflexion und planende Vorgehensweise duerfte die Funktion meiner natuerlichen Gesetzmaeßigkeiten derart stoeren, so dass es mir unmoeglich waere, irgendwelche zutreffenden Schlussfolgerungen aus dem Phaenomen zu ziehen. Ich musste deshalb meine Forschungen in dieser Wissenschaft auf partielle, aufmerksame Beobachtungen des menschlichen Lebens stuetzen, wie das Verhalten von Menschen untereinander, bei Familien-, Geschaefts- und anderen Angelegenheiten und bei Vergnuegungen und musste sie so nehmen, wie sie sich mir im alltaeglichen Lauf der Welt zeigten. “ (Abh.Einl.10)

 „None of them [sciences and arts] can go beyond experience, or establish any principles which are not founded on that authority. Moral philosophy has, indeed, this peculiar disadvantage, which is not found in natural, that in collecting its experiments, it cannot make them purposely, with premeditation, and after such a manner as to satisfy itself concerning every particular difficulty which may arise. When I am at a loss to know the effects of one body upon another in any situation, I need only put them in that situation, and observe what results from it. But should I endeavour to clear up after the same manner any doubt in moral philosophy, by placing myself in the same case with that which I consider, ’tis evident this reflection and premeditation would so disturb the operation of my natural principles, as must render it impossible to form any just conclusion from the phaenomenon. We must therefore glean up our experiments in this science from a cautious observation of human life, and take them as they appear in the common course of the world, by men’s behaviour in company, in affairs, and in their pleasures.“ (Treat.Intro.10)

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4 Kommentare zu “Menschenwissenschaft IV

  1. Auch sehr interessant, zumal sich diese Vorgehensweise fast auch auf das Streben nach Glück beziehen lässt. Viele Menschen konstruieren sich ihre Realitäten, gehen zum Beispiel daher und sagen: Heirat, Familie, Kinder, Hausbau. Und suchen sich dann Menschen dazu, dieses Ziel zu verwirklichen. Unterbewusst machen das vielleicht sogar die meisten Menschen so. Tja, aber dann wird sich gewundert, wenn man der Länge nach aufs Gesicht fällt damit. Was nicht passt, wird passend gemacht – das ist die in uns angelegte Attitüde, da können wir aufgeklärt und sensibel sein wie wir wollen. Der Ansatz von Hume erscheint passend, denn andersherum wäre es perspektivreicher – erst „sammle“ ich mir meine Menschen – und dann schaue ich, was ich welche feine Situation ich mit genau diesen Menschen mache, welche Realität sich ergibt.

    • Menschen unseres Kulturkreises neigen m.E. dazu, ihre eigenen Sichten nur in geringem Umfang mit der Realität abzugleichen. Es wird viel zu viel als ’selbstverständlich‘ vorausgesetzt.

  2. Nachtrag: ich habe soeben einen eigenen Blog-Eintrag verfasst, in dem ich auf Ihr Hume-Zitat zurückgegriffen habe, ich hoffe das ist okay so. Selbstverständlich habe ich am Ende meines Textes auf ihren Eintrag verwiesen. Ich kann gerne auch eine namentliche Nennung einbauen, ich bin mir allerdings nie sicher, ob das gewünscht und/oder genehm ist hier. So habe ich es erstmal bei dem Link belassen.

    • Es ist ok., wenn Sie von den Texten Gebrauch machen. Näheres zur Namensnennung finden Sie unter ‚Copyright‘ in der Sidebar der Hume-Seite. Ich finde es interessant, wie Sie die Anregung Humes mit Ihren Gedanken verknüpfen können. Soweit ich Humes Texte kenne, könnte es ihm möglicherweise auch gefallen haben. Sein Treatise ist aus meiner Sicht eine Fundgrube für Anregungen und in diesem Sinne hat er ihn auch verfasst. Die Arbeit daran hat ihn fast das Leben gekostet.

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