Der Mensch und sein Kopf

„Bis hinein in die Aufklaerungszeit ist Philosophie Diskussionsstoff in den Kreisen der Gebildeten;  erst die Philosophie Kants und der Idealismus ist dafuer zu speziell und zu schwierig.“ (Coreth & Schoendorf: Philosoophie des 17. und 18. Jahrhunderts. Stuttgart 2000, 3. Aufl., S. 29)

Hume unterschied zwischen leichter und schwieriger Philosophie: die erstere schildert philosophische Probleme in verstaendlicher und unterhaltsam anschaulicher Weise, waehrend die zweite sich in tiefgruendigen und kaum nachvollziehbaren Eroerterungen verliert, deren Ergebnisse bei Licht betrachtet, sich in nichts aufloesen. Er rechnete seine zum einen zu der unterhaltsamen, warnte aber davor, sie fuer leicht verstaendlich zu halten. Zum anderen rechnete er sie der zweiten zu, weil man ohne differenziertes Nachdenken in der Philosophie nicht auskomme. Nur wenn Menschen in alle moegliche Richtungen denken, koennen sie sich ein Bild von einer Sache machen. (Hume: Treatise, Introduction 3.)     

Der oesterreichische Hume-Forscher Gerhard Streminger  meint es sei nicht allzu schwierig, sich in Humes Gedankenwelt einzulesen, aber sie sei doch nicht einfach zu verstehen. John Passmore glaubt, dass sie mindestens so ‚schwierig sei, wie die von Hegel’. Raoul Richter nennt sie eine Philosophie mit ‚glatter Oberflaeche und raetselhafter Tiefe’. (Vgl. Streminger: David Hume: Eine Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Paderborn 1995, S.12f.)    

Hume selber erklaert in einer kurzen Notiz gegen Ende seines Lebens, dass Reid und Beattie gar nichts von seiner Philosophie begriffen haetten. Solchen Leuten empfiehlt er, nur seine Enquiry zu lesen und den Treatise nicht.  

Will man einen ersten Eindruck von Hume’s  Philosophierweise gewinnen, kann folgende Leseprobe nuetzlich sein:

„Alles, was im Kopf eines Menschen ankommt, muendet in zwei Arten von Perzeptionen, die ich Eindruecke und Erinnerungen, bzw. Gedanken nennen moechte.“ (Hume THN  1,1,1,1.)

Hume nennt hier die Grundlage seines Philosophierens.

Seine Aussage erinnerte mich an folgende Situation: Jemand tritt nass zur Tuer ein und sagt: Es regnet. Jemand, der skeptisch ist, blickt aus dem Fenster und findet die Aussage bestaetigt oder nicht. Jemand, der liest, dass alles, was in seinem Kopf ankommt, in zwei Arten von Perzeptionen muendet, wird nachdenken muessen, um Hume zuzustimmen oder zu widersprechen.

Fazit: Hume faellt mit einem Gedanken ins Haus, ueber den der Leser nachdenken kann.

Anmerkung fuer Leser, die die deutschen Uebersetzungen kennen: Der Terminus „mind“ wird hier mit Kopf, anstatt wie sonst mit „Geist“  uebersetzt. Dahinter steht, die durch viele Textstellen im Kontext seiner Zeit belegbare Annahme, dass Hume sich philosophierend weder auf „Geist“ noch auf „Bewusstsein“ bezieht, sondern auf unser groesztes Sinnesorgan den „Kopf“, in dem alle aeusseren und inneren Ereignisse ankommen und verarbeitet werden. Siehe dazu Andrew Marr’s Dokumentation ueber Hume.

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