Der Mensch und sein Kopf

„Bis hinein in die Aufklaerungszeit ist Philosophie Diskussionsstoff in den Kreisen der Gebildeten;  erst die Philosophie Kants und der Idealismus ist dafuer zu speziell und zu schwierig.“ (Coreth & Schoendorf: Philosoophie des 17. und 18. Jahrhunderts. Stuttgart 2000, 3. Aufl., S. 29)

Hume unterschied zwischen leichter und schwieriger Philosophie: die erstere schildert philosophische Probleme in verstaendlicher und unterhaltsam anschaulicher Weise, waehrend die zweite sich in tiefgruendigen und kaum nachvollziehbaren Eroerterungen verliert, deren Ergebnisse bei Licht betrachtet, sich in nichts aufloesen. Er rechnete seine zum einen zu der unterhaltsamen, warnte aber davor, sie fuer leicht verstaendlich zu halten. Zum anderen rechnete er sie der zweiten zu, weil man ohne differenziertes Nachdenken in der Philosophie nicht auskomme. Nur wenn Menschen in alle moegliche Richtungen denken, koennen sie sich ein Bild von einer Sache machen. (Hume: Treatise, Introduction 3.)     

Der oesterreichische Hume-Forscher Gerhard Streminger  meint es sei nicht allzu schwierig, sich in Humes Gedankenwelt einzulesen, aber sie sei doch nicht einfach zu verstehen. John Passmore glaubt, dass sie mindestens so ‚schwierig sei, wie die von Hegel’. Raoul Richter nennt sie eine Philosophie mit ‚glatter Oberflaeche und raetselhafter Tiefe’. (Vgl. Streminger: David Hume: Eine Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Paderborn 1995, S.12f.)    

Hume selber erklaert in einer kurzen Notiz gegen Ende seines Lebens, dass Reid und Beattie gar nichts von seiner Philosophie begriffen haetten. Solchen Leuten empfiehlt er, nur seine Enquiry zu lesen und den Treatise nicht.  

Will man einen ersten Eindruck von Hume’s  Philosophierweise gewinnen, kann folgende Leseprobe nuetzlich sein:

„Alles, was im Kopf eines Menschen ankommt, muendet in zwei Arten von Perzeptionen, die ich Eindruecke und Erinnerungen, bzw. Gedanken nennen moechte.“ (Hume THN  1,1,1,1.)

Hume nennt hier die Grundlage seines Philosophierens.

Seine Aussage erinnerte mich an folgende Situation: Jemand tritt nass zur Tuer ein und sagt: Es regnet. Jemand, der skeptisch ist, blickt aus dem Fenster und findet die Aussage bestaetigt oder nicht. Jemand, der liest, dass alles, was in seinem Kopf ankommt, in zwei Arten von Perzeptionen muendet, wird nachdenken muessen, um Hume zuzustimmen oder zu widersprechen.

Fazit: Hume faellt mit einem Gedanken ins Haus, ueber den der Leser nachdenken kann.

Anmerkung fuer Leser, die die deutschen Uebersetzungen kennen: Der Terminus „mind“ wird hier mit Kopf, anstatt wie sonst mit „Geist“  uebersetzt. Dahinter steht, die durch viele Textstellen im Kontext seiner Zeit belegbare Annahme, dass Hume sich philosophierend weder auf „Geist“ noch auf „Bewusstsein“ bezieht, sondern auf unser groesztes Sinnesorgan den „Kopf“, in dem alle aeusseren und inneren Ereignisse ankommen und verarbeitet werden. Siehe dazu Andrew Marr’s Dokumentation ueber Hume.

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Vorstellungen über Vorstellungen …

Über unsere Natur

 

Eines der größten Geheimnisse der Philosophie: Wie unterscheiden wir Tatsachen von Fiktionen? Wir empfinden den Unterschied und wir können ihn auch erinnern und darüber nachdenken. (Hume Treat. 1.3.7.7)

Dass unser  Denken uns selber verwirrend erscheint (Treat. 1.2.3.2), könnte daran liegen, dass wir nichts als Eindrücke und Vorstellungen haben. (Treat. 1.2.6.7) Sie werden durch unsere kreative Fähigkeit hergestellt … (Treat. 1.3.5.2)

Eindrücke und Vorstellungen sind inaktiv …(Treat. 1.3.4.2) Sie erscheinen ununterbrochen in unserem Gehirn . Wir können weder ihre Gestalt noch ihre Teile präziseren. (Treat. 1.2.5.29) Doch wir reden mit anderen über unsere Eindrücke und Vorstellungen, und verwechseln sie dabei leicht – das dürfte auch beim Nachdenken passieren.  (Treat. 1.2.5.19) 

Im Vordergrund steht, dass wir etwas mitteilen möchten … (Treat. 1.2.5.21) Fiktionales können wir nur als Fiktion mitteilen. Unser Denken wird in hohem Maße davon bestimmt, wie wir das,  was wir denken, erleben bzw. empfinden. (Treat. 1.3.8.2) Phantasien sind weniger lebhaft und nachhaltig. 

Es ist sehr schwierig, Denkprozesse ganz zutreffend und genau zu beschreiben. Unsere Alltagssprache ermöglicht kaum auf den Punkt gebrachte Unterschiede zwischen ihnen. (Treat. 1.3.8.15)

Die Physiologen kommen zu dem Schluss:  Auf keinen Fall kann das Gehirn mehr bieten, als das,  was ihm die Sinne vermitteln …(Treat. 1.3.2.2) Meine Fiktionen gehören ins Märchenland. 

2015 im Rückblick

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2015 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Eine Cable Car in San Francisco fasst 60 Personen. Dieses Blog wurde in 2015 etwa 1.300 mal besucht. Eine Cable Car würde etwa 22 Fahrten benötigen um alle Besucher dieses Blogs zu transportieren.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

Wirkliche Philosophie …

… bzw. ‚wahre‘ Philosophie zu treiben, war schon als Jugendlicher Hume’s Wunsch gewesen. Ich war „von fruehester Kindheit an, immer fasziniert … von Buechern und Wissenschaften.“, schrieb der 23jaehrige in einem Brief 1734. „Buecher ueber das Denken und die Philosophie, Dichtung und Literatur faszinierten mich [seit ich ungefaehr 15 Jahre alt war] gleichermaszen.“

Fuer Religion interessierte er sich im Hinblick auf die weit verbreitete Behauptung, es gaebe so etwas wie eine angeborene Disposition, dass ein hoeheres Wesen existiere. Dieser Behauptung widersprach er mit seinen philosophischen Forschungen entschieden. Lehren und Zeremonien der Kirchen beeinflussten das menschliche Empfinden fortlaufend – so Hume – und hielten so den religioesen Glauben lebendig. (Vgl. z. B. T. 1.3.8.4)

Doch auch in den Wissenschaften ist das glaeubige Vertrauen in Autoritaeten und die Wissensvermittlung vorherrschend. „Jemand, der mit Philosophie und Aesthetik vertraut ist, weiss, dass diese beiden Wissenschaften bisher nichts weiter erreicht haben, als endlose Dispute zu fuehren, auch wenn es um grundlegendste Themen geht. Waehrend ich die Lektueren eingehend pruefte, fuehlte ich einen unueberwindbaren heftigen Widerstand in mir wachsen, weiterhin irgendwelchen Autoritaeten auf diesem Gebiet zu folgen. Ich hielt Ausschau nach neuen Mitteln, mit dem ich zutreffende Ergebnisse wuerde finden koennen. Nach vielen Studien und Gedanken darueber schienen sich mir neue Sichten zu oeffnen – Ich war ungefaehr 18 Jahre alt -, die mich ueber alle ueblichen Standards hinausfuehrten.“ (Brief an einen Arzt: Burton: Life and correspondence of David Hume .)

Hume erlebte bald, dass seine „wirkliche Philosophie“ ihm anstelle des von ihm gewuenschten regen Gedankenaustausches nichts als Ablehnung einbrachte. „Ich habe mir die Feindschaft aller Metaphysiker, Logiker, Mathematiker und sogar der Theologen zugezogen. Ich habe sie angegriffen und in ihrer Ehre gekraenkt. Darf ich mich da wundern, dass ich leiden muss? Ich habe ihre Denkgebaeude in Frage gestellt: Wieso bin ich eigentlich ueberrascht, dass sie fuer mich und meine Person nichts als Ablehnung uebrig haben? „ (Treatise 1.4.7.2)

Was hatte ihn zu einem verfemten Auszenseiter gemacht? Es handelte sich um skeptische Sichten, die er fuer unerlaesslich hielt und die Weigerung, Autoritaeten zu folgen, die aus seiner Sicht fuer den unproduktiven Skeptizimus sorgten, den kirchliche Autoritaeten Philosophen wie ihm unterstellten. ‚Dabei tue ich nichts anderes, als die Dinge genau so zu betrachten, wie sie sich mir zeigen.‘ (Vgl. Treatise 1.4.7.3) Dieses protagoraeische Philosophieren, das durch christliche und metaphysische Sichten, von Theologen und Philosophen durch die Jahrhunderte als anthropologisch gefaehrlich verteufelt worden war, war der Anlass fuer den Misserfolg seiner fruehen Veroeffentlichungen und fuer die allgemeine Ablehnung seiner neuen Sichten.

Die Dinge so zu betrachten, wie sie sich zeigen, hiesz fuer Hume, so zu philosophieren, wie es dem Menschen entsprechend der Funktionsweise seines Gehirns und anderer Organe und dem daraus folgenden Tun moeglich ist. Er ging davon aus, dass alles, was Menschen kennen und ueber das sie mit einer wahrscheinlichen Gewissheit reden koennen, aus koerperlichen Ereignissen, vor allem aus Ereignissen in unseren Sinnesorganen herruehrt. Damit folgte er dem Kenntnisstand von Physiologen und Anatomen seiner Zeit. Davon ging auch sein Zeitgenosse Condillac aus.

Alle Aussagen, die sich nicht auf koerperliche Ereignisse, also ’sensations‘ zurueckfuehren lassen, sind nicht ‚wirklich‘ philosophisch. Im Menschen tauchen diese ’sensations‘ als ‚perceptions‘ auf. Letztere sind individuelle Vorstellungen und Empfindungen – die jeder, bei sich selber beobachten kann – von denen ausgehend, Menschen zu Kenntnissen kommen.

Es ist hier nahe liegend an Berkeley zu denken. Dessen Philosophieren hat fuer Hume in der Tat anregend gewirkt. Hume zitiert ihn wiederholt im ersten Band seines Treatise. Das gilt auch fuer Professoren an der Edinburger Universitaet, von denen sich einige regelmaeszig in der ersten Wissenschaftsgesellschaft Schottlands trafen und dort neue philosophische Sichten diskutierten. Hume war ebenfalls Teilnehmer in dieser Runde, die sich nach dem Gasthaus in dem sie tagten, RANKANIAN CLUB nannte. Ueber diesen Club soll Berkeley gesagt haben: „Niemand auszer diesen jungen Leuten in Nordbritannien, hat meine Art des Philosophierens besser verstanden.“ (vgl. William Christian Lehmann: Henry Home, Lord Kames, and the Scottish enlightenment. Berlin 1971, S.52. Google-Buch)

Der Mainstream von Hume’s philosophierenden Zeitgenossen ging davon aus, dass Philosophieren sich im Geist des Menschen abspielt, an dem ’sensations‘ nur marginal beteiligt sind. ‚perceptions‘, also Perzeptionen, bzw. Apperzeptionen wie Leibniz differenzierte, hatten eine geistigen Natur bzw. waren Produkte aus geistigen Aktivitaeten, und wurden moeglicherweise angeregt durch ’sensations‘. Hume liesz sich nicht darueber aus, ob die ‚perceptions‘ geistiger Natur sind: ihm genuegte es festzustellen, dass sie auftauchen und dass sie als Basis fuer Denken und Handeln fungieren. „Es genuegt mir, wenn ich anlaesslich von eigenen Beobachtungen sagen kann, wie meine Sinne affiziert werden und wie die ‚perceptions‘ miteinander verbunden werden. Das reicht aus, um ein (lebenswertes) Leben zu leben und das reicht auch fuer meine Philosophie. Ich moechte die ‚perceptions‘ lediglich beschreiben und – so weit wie möglich – ihre Ursachen erforschen.“ (T. 1.2.5.26)

Irrtuemer 3


Hume’s unentdeckte Sachlichkeit

Die sehr weitreichenden Anregungen Humes fuer ‚handeln‘ Einzelner und fuer gemeinsames ‚handeln‘ von Gemeinschaften wurden in der Humeforschung bisher noch nicht bemerkt. In der Mitte des letzten Jahrhunderts – mit Gruendung der Hume Society – begann man Hume in einem internationalen Rahmen zu interpretieren. Humeforscher befassten sich seitdem mit Einzelfragen -„Stueckwerkinterpretationen“ (Streminger) – und Interpretationsproblemen, die m. E. die Sache Humes nur in Annaeherungsgraden erreichten. Mit der Entscheidung Hume ausgehend vom anatomischem Wissenstand seiner und dem neurobiologischen unserer Zeit zu interpretieren, glauben Rolf Reinhold und ich eine Basis gefunden zu haben, die Interpretationen moeglich machen koennte, die in der Sache treffender und fuer den Forschungsdiskurs anregender sein koennten. Bis jetzt machte man keinen Gebrauch von ähnlichen Hume-Rezeptionen wie sie z.B. bei Lossius und Ulrich, Mach und Wahle zu finden sind.  Humes Aussagen z.B. ueber ‚Kausalitaet‘ wurden als neue Kausalitaetstheorie aufgefasst (vgl. Paul Richter (1923): David Humes Kausalitaetstheorie. Bibliobazar 2009; Robert Gray A Refutation of Hume’s Theory of Causality. Hume Studies Volume 2, Number 2 (November, 1976), 76-85. Astrid von der Luehe (1993): David Humes aesthetische Kritik. Hamburg 1996, S. 26   ; ) . Humes Beschreibung des Sachverhaltes (‚beschreiben‘ dessen, was ‚ich sehe und berühre‘ unterscheidet sich m. E. von ‚theoretisieren‘!), dass Kausalitaet eine gewohnheitsmaeszige Annahme im Hinblick auf eine Reihe aehnlicher Ereignisse sei, geriet dabei aus dem Blick – ebenso die moeglichen Folgen dieser Annahme fuer wissenschaftliches und alltaegliches ‚handeln‘. Man beschaeftigte sich – statt mit einer interpretatorischen Einordnung seiner Auffassung von Kausalitaet in seine umfassenden Gedankengaenge – damit, den von Hume beschriebenen Sachverhalt von ‚Ursache‘ und ‚Folge‘  im metaphysischen Sinne als ‚Ursache-Wirkungs-Zusammenhang‘ zu diskutieren, zu kritisieren und zu widerlegen. Aus physistisch gepraegter Sicht war man wieder in der traditionellen Metaphysik und der Erkenntnistheorie gelandet. Davon hatte Hume sich schon vor Erscheinen der ABHANDLUNG (vgl. Brief an einen Arzt) abgesetzt. Seine ‚metaphysical reasonings‘ – die er fuer seine ‚principles‘ brauchte – haben den Charakter von ‚Ueberlegungen‘ und sie beziehen sich ausdruecklich auf seine Beobachtungen, nicht auf Theorien und vermutlich auch nicht auf einen ‚Raum des Bewusstseins‘: Jahrelang hat – was in diesem Zusammenhang auch interessant sein koennte – eine Reihe von international taetigen Forschern sich u. a. darueber den Kopf zerbrochen, ob Hume moeglicherweise seine Aussagen im TREATISE spaeter widerrufen habe. Der konkrete Anlass dafuer war eine einzige Textstelle (‚Announcement‘ zur „Untersuchung ueber den menschlichen Verstand“), die entgegen dem Kontext missinterpretiert wurde. William Edward Morris (Stanford Enzyclopedia of Philosophy) u.a. waren hier inzwischen aufklaerend taetig. Es koennte aber sein, dass einmal erfolgte metaphysisch geprägte Interpretationen Humescher Texte fuer die Interpreten nicht rational korrigierbar sind.

Dass Hume im besten Sinne als Skeptiker, naemlich vom ‚hinsehen‘ ausgehend philosophierte, wurde und wird z. B. unter der Behauptung begraben, er sei ein „titanenhafter Zerstoerer“ gewesen. Sofern darin die Betroffenheit von Metaphysikern bei der Lektuere Humes zum Ausdruck kommt, ist diese Behauptung fuer mich nachvollziehbar. Im wissenschaftlichen Bereich hat diese weitreichende Folgen, deren Preis hoch ist. Unzutreffende Sichten koennen unbeirrt weiter vermittelt werden. In der Folge verhindern solche Bewertungen interpretatorische und wissenschaftliche Weiterentwicklung. Auch Weltbilder koennen gesellschaftsweit so nicht veraendert werden, da bestimmte Aspekte gar nicht bemerkt werden duerfen und daher im professionellen und gesellschaftlichen Diskurs nicht auftauchen. Die interpretatorische Sicht, Hume habe statt Philosophie Psychologie betrieben, duerfte ein Beispiel fuer die Art von folgenreichem Irrtümern sein koennen, die von der Mehrheit der Fachleute seit Jahrhunderten einmuetig vertreten wird.

Beruehmte Philosophen haben Missverstaendnisse verbreitet. Humes „experimentelle Empirie“ leistete laut Bertrand Russell (1872-1970) und Karl Popper (1902-1994) einem „zerstoererischen Irrationalismus Vorschub“ (Wiesing ebd. S. 412.).  Dies   koennten die unbemerkt gebliebenen Folgen einer irrtuemlichen Auffassung der Bezeichnungen „Skeptizismus“ und „Skepsis“ sein. Der entscheidende Irrtum koennte darin bestehen, eine bestimmte selbstverstaendliche Auffassung ueber die Philosophie des Pyrrhon (365–360 v. Chr. bis ungefaehr 275–270 v. Chr.)  bzw. ueber die pyrrhonische Skepsis, Hume zu unterstellen, bzw. davon auszugehen, dass er Pyrrhoneer gewesen sei. Die phyrronische Skepsis stand und steht seit Jahrhunderten in dem Ruf, in die Sackgasse der voelligen Ungewissheit und Urteilsunfaehigkeit zu fuehren. (vgl.Jens Kuhlenkampf. David Hume: Eine Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Berlin 1997,S. 248ff. )

Hume selber hielt es fuer ausgeschlossen und duerfte es so fuer sich ebenfalls ausgeschlossen haben, dass es – so wie man Skeptiker charakterisierte – je einen solchen Menschen gegeben hat oder gibt, „… der weder eine eigene Meinung, noch eigene Grundsaetze hat, noch je ueber Handeln Theorien zu bilden in der Lage sei.“ (Untersuchung ueber den menschlichen Verstand XII,2.) Die Skepsis des ‚hinsehen‘ auf die Sache hielt Hume dagegen fuer unverzichtbar: „Eine an der Sache sich bemessende Skepsis scheint mir sehr plausibel, denn sie sorgt fuer die Unvoreingenommenheit meiner Urteilsfaehigkeit und entzieht mir alle jene Vorurteile, die ich durch Erziehung oder voreiliges Meinen uebernommen habe. Ich beginne mit klaren und sich aus der Sache ergebenden Grundannahmen, gehe behutsam und jeden Schritt sichernd weiter, ueberdenke immer wieder meine Schlussfolgerungen und pruefe die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen sehr genau. … ich halte dies fuer die einzige Methode, durch die ich hoffen kann, Zutreffendes herauszufinden und einigermaszen dauerhafte und gut begruendete Aussagen machen zu koennen.“ (ebd. XII,4)

Irrtuemer 2


Zur Tradition einer metaphyisch geprägten Hume-Interpretation

Es ist unter Forschern und Interessierten immer wieder die Rede davon,  dass Kant durch Hume aus seinem „dogmatischen Schlummer“ geweckt worden sei. Von welcher Art das Aufwachen Kants im Hinblick auf Hume war, scheint mir fuer die Grundlagenforschung von ‚philosophieren‘ noch kaum untersucht. Im deutschen Sprachraum ueberwog bisher die metaphysisch gepraegte Auffassung, dass Kantisches dem Humeschen ueberlegen sei. Um dies unter Beweis zu stellen, stuelpte man z, B. die kopernikanische Wende zum Subjektivismus ueber Humesches und uebersah dabei, dass Hume nur von seinen eigenen Sichten, d.h. vom Individuellem ausging.  Dies koennte u.a. eine Folge seiner sehr fruehen physiologischen Lektuere und moeglicher spaeterer Teilnahme an physiologischen Vorlesungen der Universitaet Edinburgh gewesen sein. (Vgl. Literaturhinweis „Stewart“ am Schluss.)  

Weil Hume mit ‚mind‘, ’soul‘, ‚understanding‘ … dem gewohnten Sprachgebrauch folgte, unterlegte man ganz selbstverstaendlich metaphysische Inhalte. Man hielt Hume fuer einen Erkenntnistheoretiker, behauptete er habe sich mit Induktion befasst oder er habe eine neue Kausalitaetstheorie entwickelt. Dies u. v. a. m. duerfte einer stimmigen und umfassenden Werkinterpretation Humes im Wege stehen.  Philosophiegeschichtliche Darstellungen unterschiedlichster Autoren duerften an diesem metaphysisch gepraegten Hume-Bild mitgewirkt haben. Schon Wilhelm Gottlieb Tennemann (1761-1819)  betrachtete in seiner Philosophiegeschichte (veroeffentlicht 1798-1819) den Verzicht Humes auf Geist und Metaphysik als den entscheidenden Mangel der „Menschenwissenschaften“. Diese Auffassung von der qualitativen Ueberlegenheit eines auf Geist und metaphysischen Spekulationen gegruendeten ‚philosophieren‘  koennte nachfolgende Forscher bewogen haben, ueber kurze Wege zu interpretieren, ohne den weitlaeufigeren Wegen Humes mehr als noetig nachzuspueren. Tennemann erwaehnte interessanterweise in Verbindung mit den schottischen Sensualisten Locke, Berkeley und Hume den schottischen Mediziner David Hartley (1704-1757), der „Nervenschwingungen“ als Grundlage fuer menschliches Denken betrachtete. (Vgl.: Amadeus Wendt (Hg.): Wilhelm Gottlieb Tennemann: Grundriss der Geschichte der Philosophie fuer den akademischen Unterricht. Leipzig 1829, 5. Aufl., §370. )  

Hume wird in grundlegender Hinsicht traditionell gern als „Aufsehen erregendes Vorlaeuferphaenomen Kants“ betrachtet. „… Kant ohne Hume ist einfach nicht denkbar. Zuerst musste ein groszer, scharfsinniger und tiefbohrender, vor keiner Konsequenz zurueckscheuender Denker, wie Hume, den Rationalismus voellig zerstoeren und den Empirismus zu einem folgerichtigen, in Phaenomenalismus und Skeptizismus sich aufloesenden Abschluss bringen …“ (I. Mirkin: Hat Kant Hume widerlegt? Eine erkenntnistheoretische Untersuchung. Bern 1901. Habil.Schr. Kant-Studien, Band 7, Heft 1-3, Seiten 230–299, dort S.230.) Solche Saetze duerften eine metaphysisch gepraegten Sicht auf die Humesche Grundlegung des ‚philosophieren‘ anzeigen. Sie tragen deutlich Zuege der ersten englischen Humeinterpretationen: 1764 von Thomas Reid (1710-1796) und 1770 von James Beattie (1735-1803). Die Reid-Beattie-Interpretation verhinderte – laut Lambert Wiesing (David Hume: Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Uebers. Raoul Richter. Kommentar v. Lambert Wiesing. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2007, 410-414) und Gerhard Streminger (vgl. Gerhard Streminger: Zur Wirkungsgeschichte David Humes. In: Topitsch&Streminger: Hume. Darmstadt 1981, S. 19-51. wirksam fast 200 Jahre lang jede Art von Interpretationen, die die Komplexitaet Humescher Forschungsergebnisse beruecksichtigten. „Stueckwerkinterpretationen“ (Streminger, ebd. S. 48) waren und sind auf dem Gebiet der Interpretationen der  „Menschenwissenschaften“ allgemein akzeptierter wissenschaftlicher Brauch. Hume hatte 1740 in seinem ABSTRACT zum TREATISE diesen Umstand im Blick. Er bezeichnete es als die Krux fuer die Verbreitung seiner Philosophie, dass der Leser gefordert werde,  weitlaeufige Gedankengaenge zusammenschauend im Gedaechtnis zu behalten, um sich ein zutreffendes Gesamtbild machen zu koennen.  Diese weitlaeufigen Gedankengaenge verkuerzte er fuer die UNTERSUCHUNG UEBER DEN MENSCHLICHEN VERSTAND.

Die Kenntnisse aus Humes „Menschenwissenschaft“ verbreiteten sich philosophisch gewinnbringend unter wenigen. Im deutschsprachigen Raum waren es z.B. die Philosophen Johann August Ulrich (1746-1813) in Jena  und Johann Christian Lossius (1743-1813) in Erfurt.  Lossius bezog seine Forschungsergebnisse UEBER DIE PHYSISCHEN URSACHEN DES WAHREN ausdruecklich auf „Nervenerregungen“. Spaeter folgten Ernst Mach (1838-1916) , Richard Wahle (1857-1935) , Albert Einstein (1879-1955) , Hartwig Kuhlenbeck (1897-1984) , …etc.).  

„Es ist ganz sicher, daß alle Daten der Erfahrung nur gegeben sind beim Bestande menschlicher Sinne und des menschlichen Gehirnes. Wir sagten nicht, daß alle empirischen Daten als Empfindungen in einem Bewusztsein gegeben seien;  […] Aber es ist sicher, daß alle empirischen Vorkommnisse nur bei gleichzeitiger Aktion der Nervenapparate vorhanden sind, also, abgekuerzt gesprochen, an den Bestand von Sinnen gekoppelt sind. Es ist somit moeglich, da man es nur mit Relativitaeten zu tun hat, daß die wahre Natur der Dinge durch die Konkurrenz der Sinne vollstaendig verschleiert ist.“ (Richard Wahle: Die Tragikomoedie der Weisheit — Die Ergebnisse und die Geschichte des Philosophierens (1915); 2. Auflage, 1925, S. 85.)

Irrtuemer 1


Humes Philosophie als Ergebnis von ‚philosophieren‘ in eigener Sache

Die geringe Resonanz auf die aus meiner Sicht „sensationellen“ Texte Humes beschaeftigt mich. Wie kommt es, dass Humes Beschreibungen des Menschlichen, seine Aussagen ueber Kommunikation (’sympathizing‘), ja insgesamt Humes grundsaetzlich eigenstaendige neue Sichten, die anderen eigenstaendiges Philosophieren ermoeglichen koennen, so wenig Aufmerksamkeit finden? In den nachfolgenden Artikeln moechte ich veroeffentlichen, was ich dazu herausgefunden habe.

Der Personenkreis,  an den ich als moegliche Interessenten fuer Humes Philosophie denke, sind Menschen die ‚philosophieren‘ fasziniert. Mit ‚philosophieren‘ meine ich im Allgemeinen, ueber alles, was ich merke nachzudenken. Dieses ’nachdenken‘ bezieht sich auf Material, das das Leben zur Verfuegung stellt, besteht also aus Ereignissen und entsprechenden Erlebnissen, die mehr oder weniger angenehm waren. Aus diesen ziehen Menschen Schlussfolgerungen für ‚handeln‘ in der Gegenwart – d.h. sie lernen -, was üblicherweise mit dem Wort „Erfahrung“ bezeichnet wird. Menschen, die ‚philosophieren‘ fasziniert, interessieren sich in diesem Zusammenhang auch fuer das, was amtlich bestellte oder bekannte Philosophen zu sagen haben. Denn diese bestimmen mit ihren Auffassungen den oeffentlichen Diskurs.

Meine Beduerfnisse, denen ich mit meinem ‚philosophieren‘ zu entsprechen suche, beziehen sich auf mein ‚handeln‘ fuer mich und fuer andere. Es geht mir darum, eigene Orientierungen bzw. Kriterien fuer menschliches ‚handeln‘ zu entdecken, mit denen ich mein ‚handeln‘ verbessern kann.  Eine Reihe weiterer Merkmale meines  physistisch geprägten ‚philosophieren‘ findet sich unter Rolf Reinhold’s PHYSISTIK. Ich verdanke es dem Philosophen Rolf Reinhold, dass ich „das Rad nicht neu erfinden musste“, sondern die von ihm fuer sein Leben gefundenen Muster menschlichen Handelns als erste Orientierungen und Auffinden meiner Kriterien verwenden konnte. Da ich davor bereits bei toten und lebenden Metaphysikern (u.a.  Platon und Augstin von Thagaste) in die Schule gegangen war, ist es fuer mich auszerdem wichtig zu klaeren, weshalb die Metaphysik fuer mich keine Orientierungen und Kriterien zu Verfuegung stellte. Dies steht alles im Kontext meines Interesses am Humeschem ‚philosophieren‘.

Humeforscher gehen von einem ganz anderen Ansatz des ‚philosophieren‘ aus als ich und kommen so zu anderen Humeinterpretationen. So schreibt z.B. Lambert Wiesing in seinem Kommentar zu Humes UNTERSUCHUNG UEBER DEN MENSCHLICHEN VERSTAND, es sei unter Philosophen unstrittig, „dass philosophische Forschung keine empirischen Beweise erbringt, sondern durch kategoriale und begriffliche Argumentation vollzogen wird“ (David Hume: Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Übers. Raoul Richter. Kommentar v. Lambert Wiesing. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2007, S. 254). Weil Hume nach Wiesings Meinung ‚Empirie‘ als Beweise fuer seine philosophischen Forschungsergebnisse benutze – Humes Differenzierungen in diesem Punkt könnte er überlesen haben (vgl. u.a. David Hume: Untersuchung ueber den menschlichen Verstand V,2) -, erklaert er das Humesche ‚philosophieren‘ fuer gescheitert. Wiesing meint, das Scheitern mache den „klassischen Wert“ Humes fuer die Philosophie aus. Hume habe aber eigentlich blosz „psychologische Betrachtungen“ angestellt (ebd.). Auch dies scheint unter deutschen Humeforschern unstrittig zu sein.

Lambert Wiesings Auffassung über Philosophieren duerfte unter universitaer ausgebildeten Philosophen und Humeforschern unstrittig sein, aber nicht unter philosophierenden Menschen, die ‚philosophieren‘ als koerperumfassende Aktivität ihres eigenen Lebens fasziniert. Diese ‚physistisch gepraegten‘ Philosophen folgen stets ihren eigenen Wegen zu ‚philosophieren‘, weil sie davon ausgehen, dass nur eigene Wege sie weiterbringen. Sie moechten ’sagen, was sie sehen und denken, was sie denken‘. Nichts was andere meinen, bleibt ungeprueft, auch Eigenes nicht.

Der Behauptung Wiesings, dass Empirie (Erfahrung) keine Beweise bringt, stimme ich mit Hume gern zu: Beweise sind nur innerhalb von in sich geschlossenen Systemen moeglich, wie sie z.B. die Mathematik produziert (vgl. Untersuchung ueber den menschlichen Verstand V,1.) Ereignisse, Situationen menschlichen Lebens aber, insbesondere ‚Menschen‘, sowie ‚handeln‘ und ‚denken‘ bezeichnen keine in sich geschlossenen Systeme. Von ihnen nimmt Hume an, dass sie philosophische Forschungsergebnisse liefern, die ausschließlich ‚probabilistischen‘ Charakter haben (vgl. z.B. Untersuchung ueber den menschlichen Verstand IV Abhandlung ueber die menschliche Natur 1.4.5. 30|35.) Die Begrenztheit probalistischer Aussagen akzeptiert Hume, weil sie  in der Natur der Sache liegen. Diese Sachen sind ‚impressions‘ und ’sensations‘, stets ‚peripherieoffen‘ und so veraenderbar. Menschen werden kontinuierlich durch koerperliche Eindrücke und Empfindungen pertubiert. Diese werden an der koerperlichen Peripherie oder durch entsprechende innere Organlagen ausgeloest und bilden die Basis unserer Entscheidungen. 

Solange dieses natuerliche Lernprinzip ausgeschlossen wird, ist fuer mich jede ‚kategoriale und begriffliche‘ Festlegung unbrauchbar, weil sie so tut, als sei sie vom Himmel gefallen. Wiesing laesst diesem Verstaendnis folgend die menschliche Physis auszen vor. Derartiges ‚wegsehen‘ ist m. E. nicht unter ‚psychologischen Betrachtungen‘ zu verbuchen. Dies entstammt einer nach wie vor lebendigen philosophischen Tradition Deutschlands, in der mehr oder weniger offensichtlich uralte Kategorien und Begriffe verwendet werden, die Autoritaetsabhaengigkeit signalisieren.

Kant hielt die menschliche Natur fuer philosophisch unerheblich, weil er die uneingeschraenkte Steuerbarkeit der menschlichen Physis durch Verstand und Vernunft als a priori gegeben ansah (vgl. Johann Kraus: Recension von Ulrich’s Eleutheriologie). Hume aber machte von der menschlichen Physis als Ausgangpunkt fuer seine Abhandlung ueber die menschliche Natur positiven Gebrauch. Anstatt wie Kant von Theorien des ‚denken‘  ging er von physiologischen Forschungserebnissen seiner Zeit und vor allem von seinem eigenen Beobachten menschlichen Verhaltens aus,  sein eigenes einschließlich. Die Tradition der „Kategorien und Begriffe“ duerfte also hinsichtlich Hume keine zutreffenden Kriterien der Interpretation zur Verfuegung stellen koennen, weil Hume ihr nicht folgte. Bereits als junger Mann hat Hume jede Unterordnung seines ‚philosophieren‘ unter alte Theorien abgelehnt. „Ich habe herausgefunden, dass die Philosophie ueber menschliches Handeln seit der Antike mit derselben Unzulaenglichkeit arbeitet wie die Naturwissenschaften. Beide gehen m. E. ausschlieszlich von Hypothesen und Spekulationen aus, anstatt sich auf Erfahrbares und Erforschbares zu beziehen…Man muss nicht viel mehr tun, um zu verwertbaren Ergebnissen zu kommen, als alle diese alten Theorien zugunsten der eigenen Sichten oder der anderer wegzuwerfen. Es duerfte letztlich von den Sichten anderer abhaengen, ob meine Schlussfolgerungen fuer zutreffend gehalten werden oder nicht. Innerhalb der letzten drei Jahre habe ich meine Schlussfolgerungen in einem Ausmasz vervielfacht, so dass ich damit viele Stapel Papier mit Notizen fuellen konnte, die ausschlieszlich das enthalten, wie ich die Dinge sehe.“ (David Hume: Brief an einen Arzt. Edinburgh 1734. Abgedruckt in John Hill Burton: Life and Correspondance of David Hume. Edinburgh 1846. Band I. S. 30 – 39.)

Menschenwissenschaft V


Wenn Wissenschaften, dem Menschen nuetzen moechten, dann muessen sie ohne Letztbegruendungen, ohne Wahrheit und Objektivitaet auskommen. (Abh.Einl.9)

„Auch wenn ich mich im Rahmen meiner Wissenschaft der menschlichen Natur sehr intensiv damit beschaeftigt habe, die allerletzten Prinzipien des Intellektes, der Affekte, des Handelns und der Fantasie zu klaeren, bin ich nicht in der Lage, zu sagen worin diese bestehen.“

Letztbegruendungen (‚ultimate principles‘) wie sie Menschen und Philosophen und andere Wissenschaftler in stiller Abhaengigkeit von christlich-theologischen Setzungen seit Jahrhunderten glauben finden zu koennen, sind laut Hume nicht zu finden. Er ging zwar davon aus ‚principles‘ entdeckt zu haben, wie Menschen sich die Welt begreifbar machen (‚human understanding‘), uebertrug diese auf alle Menschen, doch er hielt diese Art von Verallgemeinerung fuer revidierbar und optimierbar. Diese ‚principles‘ sind so etwas wie Muster menschlichen Verhaltens, die ausschließlich Resuemees seiner Beobachtungen sind. Er ging davon aus, dass andere zu anderen Resuemees kommen. Diese Grenzen menschlichen Nachdenkens duerfte er als ein ‚principle‘ der menschlichen Natur angesehen haben.

„Daher kann ich auch nicht wirklich darueber Auskunft geben, wie das menschliche Beduerfnis die Welt zu verstehen (‚human understanding‘), natuerlicherweise befriedigt werden kann.“

Im Unterschied zu seinen philosophierenden Zeitgenossen und den Philosophen nach ihm, stellte er an sich selber fest, dass ihn seine Fragen dann zur Ruhe kommen ließen, wenn er sie nicht beantworten konnte und darauf verzichtete, sich Antworten zu fantasieren. Diese Entscheidung, dort nicht mehr zu forschen, wo er keine Antworten finden konnte, scheint eine seltene Qualitaet philosophischen Denkens. Geben doch die meisten Menschen sogar da Antworten, wo sie eigentlich nichts wahrnehmen (’sensorieren‘). Der Kabarettist Hans-Dieter Huesch hatte das sich daraus ergebende wortreiche Verhalten als Eigenschaft des Niederrheiners aufs Korn genommen. Hume beschrieb seine Grenze so:

“ Wenn ich sehe, dass ich beim Nachdenken dort angelangt bin, wo sich fuer mich nichts mehr ergibt, kann ich mich beruhigt zurücklehnen. Andererseits eroeffnet mir diese Tatsache, dass mich meine große Unkenntnis ueber die allerletzten Prinzipien zur Ruhe kommen laesst, die Moeglichkeit, dass ich eventuell Gruende fuer die allgemeinsten und einfachsten Prinzipien des ‚human understanding‘ finden koennte, wenn ich dort forsche, wo ich sie beobachten kann. …“

‚experience‘, d.h. Hinsehen auf das, was man beobachten kann, duerfte stets der Maßstab fuer Hume’sches Resuemieren gewesen sein.

„I do not think a philosopher, who would apply himself so earnestly to the explaining the ultimate principles of the soul, would show himself a great master in that very science of human nature, which he pretends to explain, or very knowing in what is naturally satisfactory to the mind of man. … When we see, that we have arrived at the utmost extent of human reason, we sit down contented; tho’ we be perfectly satisfied in the main of our ignorance, and perceive that we can give no reason for our most general and most refined principles, beside our experience of their reality; …“ (Treat.Intro.9)

Menschenwissenschaft IV



Forschen besteht im ‚perzipieren‘ (‚wahrnehmen’=’sensorieren‘) und ‚reasoning‘ (‚ueberlegen‘), was Hume auch mit ‚experience‘ bezeichnet. Im Unterschied zu Naturwissenschaftlern koennen MENSCHENWISSENSCHAFTLER (Philosophen) keine vorbereitete Laborsituation erforschen, sondern sie sind darauf angewiesen von den Situationen Gebrauch zu machen, die der Alltag hergibt. Erst wenn dieses Beobachten den Grad der Saettigung fuer den Beobachter erreicht hat, kann damit begonnen werden ‚principles‘ zu finden.  

 „Keine Wissenschaft laesst sich ohne Forschen begruenden, kein Prinzip kann Basis fuer anderes sein, das auf diese Autoritaet* verzichtet. Die Philosophie des Inner- und Zwischenmenschlichen hat folgenden spezifischen Nachteil, der sich nicht in den Naturwissenschaften findet. Er besteht darin, dass ich das, was ich im Einzelnen erforscht habe, erst einmal sammeln musste, ohne mir bereits im Vorwege darueber klar werden zu koennen, was ich naeher untersuchen moechte. Erst im Anschluss an das Sammeln, wenn gleichsam bei mir eine Art Saettigung eingetreten war, habe ich mich mit dem jeweiligen Problem beschaeftigt, das sich dabei fuer mich aufgetan hatte. In den Naturwissenschaften kann ich, wenn ich die Wirkungen eines Koerpers auf einen anderen in irgendeiner Situation kennen lernen moechte, die beiden Koerper in die gewuenschte Situation bringen und beobachten, was sich daraus ergibt. Vergleichbares ist in der Philosophie des Inner- und Zwischenmenschlichen nicht moeglich: Ich kann nicht mich selber und das, was ich beobachte auf gleiche oder aehnliche Weise zusammenbringen. Die dazu noetige Reflexion und planende Vorgehensweise duerfte die Funktion meiner natuerlichen Gesetzmaeßigkeiten derart stoeren, so dass es mir unmoeglich waere, irgendwelche zutreffenden Schlussfolgerungen aus dem Phaenomen zu ziehen. Ich musste deshalb meine Forschungen in dieser Wissenschaft auf partielle, aufmerksame Beobachtungen des menschlichen Lebens stuetzen, wie das Verhalten von Menschen untereinander, bei Familien-, Geschaefts- und anderen Angelegenheiten und bei Vergnuegungen und musste sie so nehmen, wie sie sich mir im alltaeglichen Lauf der Welt zeigten. “ (Abh.Einl.10)

 „None of them [sciences and arts] can go beyond experience, or establish any principles which are not founded on that authority. Moral philosophy has, indeed, this peculiar disadvantage, which is not found in natural, that in collecting its experiments, it cannot make them purposely, with premeditation, and after such a manner as to satisfy itself concerning every particular difficulty which may arise. When I am at a loss to know the effects of one body upon another in any situation, I need only put them in that situation, and observe what results from it. But should I endeavour to clear up after the same manner any doubt in moral philosophy, by placing myself in the same case with that which I consider, ’tis evident this reflection and premeditation would so disturb the operation of my natural principles, as must render it impossible to form any just conclusion from the phaenomenon. We must therefore glean up our experiments in this science from a cautious observation of human life, and take them as they appear in the common course of the world, by men’s behaviour in company, in affairs, and in their pleasures.“ (Treat.Intro.10)

Menschenwissenschaft III


 

Hume wollte mit seiner MENSCHENWISSENSCHAFT sowohl die wissenschaftliche, gesellschaftliche und persoenliche Welt auf eine neue Basis stellen.

Seine ABHANDLUNG UEBER DIE MENSCHLICHE NATUR dokumentiert sowohl eine Vielzahl von Sachverhalten als auch seine Art und Weise darueber nachzudenken, außerdem entsprechende Ergebnisse, die er ueberwiegend als ‚principles‘ bezeichnet. Diese ‚principles‘ sind eine Art von Behauptungen von Mustern menschlichen Verhaltens , denen er Begruendungen (reasons) zuordnet, die sich im Kontext seines Hinsehens auf menschliches Verhalten (sein eigenes mit eingeschlossen) fuer ihn ergeben haben.

 Dieses Philosophieren scheint ohne langatmige, weitlaeufige Eroerterungen nicht auszukommen. Seine „experimental reasonings“, die die Abhandlung ueber die menschliche Natur und andere seiner Schriften fuellen, sind nicht „… leicht und muehelos zu begreifen“(Abh.Einl.3). Dies duerfte u. a. daran liegen, dass beim Ueberlegen vieles beruecksichtigt wird, um das ‚principle‘ zutreffend und brauchbar herzustellen. ‚principles‘, die so entstehen, sind nicht fuer die Ewigkeit geschaffen, sondern fuer den sich kontinuierlich veraendernden Alltag von Menschen. Charakterisierungen wie „Wissen“ und „Erkenntnisse“ kommen fuer sie nicht in Frage, denn diese beanspruchen Gewissheit. ‚principles‘ duerften eher ‚begruendete Vermutungen‘ sein, die wie Hume sich aeußert, vom ‚freizuegigen Eingestaendnis meiner Unwissenheit‘ getragen werden (Abh.Einl.10) Sie sind jederzeit revidierbar und veraenderbar. Dass Revidieren und Veraendern im Diskurs mit der „Gelehrtenrepublik“ seiner Zeit gelaenge, wuenschte sich Hume fuer die Veroeffentlichung seines TREATISE.

Es entsprach vermutlich seiner Auffassung von seiner Menschenwissenschaft genauso wie von Wissenschaft ueberhaupt, dass sie ein niemals endendes Forschen kennzeichnet. In unseren Wissenschaften ist immer noch von Zielen, Erkenntnissen und Fortschritt die Rede, sodass der Eindruck entsteht, Wissenschaftler glaubten, dass sie irgendwann einmal alle Raetsel der Welt geloest haben duerften. Ganz anders Hume: „Und obwohl ich anstrebe alle erreichbaren ‚principles‘ so allgemeingueltig wie moeglich zu fassen, indem ich der jeweiligen zu erforschenden Fragestellung bis in jedes Detail nachgegangen bin und dabei alle Ergebnisse auf elementarste und eine minimale Anzahl von Ursachen zurueckgefuehrt habe, bin ich sicher, dass das Erforschen der menschlichen Natur nie enden wird. Denn jede Hypothese, von der angenommen wird, dass sie die allerletzten urspruenglichen Eigenschaften der menschlichen Natur zum Vorschein bringen soll, ist ohne Hinsehen auf Sachverhalte als vorurteilsbehaftet und der Fantasie entsprungen abzulehnen.“ (Abh.Einl.8) Es scheint so, dass menschliche Sichtweisen und Sachverhalte sich staendig aendern. Davon auszugehen, dass wissenschaftliche und alltaegliche Kenntnisse je an ein Ende kommen, hieße diese Realitaet zu ignorieren.