Skepsis 2

Auszug aus Enquiry of Human Unterstanding, Section XII

Skepsis, die es nicht gibt

(2) Ein Skeptiker wird als einer der Feinde der Religion betrachtet, der unvermeidlich die Empoerung aller religioesen und streng metaphysisch denkenden Philosophen hervorrufen dürfte.  Sie halten ihn fuer einen Menschen, der weder eine eigene Meinung, noch eigene Grundsaetze hat, noch je ueber Handeln und Theorien zu bilden in der Lage sei. M.E. duerfte es auszuschliessen sein, dass man einem Menschen mit einer derart desolaten Verfassung begegnen duerfte oder ihm je begegnet ist. Dies ergibt die sehr nahe liegende Frage: Wie ist eigentlich ein Skeptiker? Ausserdem: Wie weit koennen, philosophische Prinzipien entwickelt werden, wenn sie Moegliches und Ungewisses in Betracht ziehen?

Skepsis, die unverzichtbar scheint

(4) Folgende naeher erlaeuterte Art von Skepsis scheint allerdings eine notwendige Bedingung fuer systematisches Forschen zu sein, denn sie sorgt fuer die Unvoreingenommenheit unserer Urteilsfaehigkeit und entwoehnt uns von allen jenen Vorurteilen, die wir durch Erziehung oder voreiliges Meinen aufgenommen haben. Diese Art gemaessigter Skepsis scheint mir ausserdem sehr plausibel.
Wir beginnen [beim systematischen Forschen] im Sinne dieser Skepsis mit klaren und sich aus der Sache ergebenden Grundannahmen, gehen behutsam und jeden Schritt sichernd weiter, ueberdenken immer wieder unsere Schlussfolgerungen und pruefen die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen sehr genau. Zwar werden wir auf diese Weise nur langsam und in geringem Masse vorankommen, aber ich halte dies fuer die einzigen Methoden, durch die wir hoffen koennen, Zutreffendes herauszufinden und einigermassen verlaessliche und begruendete Aussagen machen zu koennen.

Skepsis als Folge wissenschaftlicher Theorien

(5) Im Gefolge von Wissenschaft und Forschung stellt sich im Zusammenhang mit deren spezifischen Theorien, mit denen diese ueblicherweise beschaeftigt sind, eine weitere Art von Skepsis ein: Menschen muessen dabei naemlich entdecken, dass sie einerseits voellig verwirrt werden bzw. dass sie nicht in der Lage sind, [sich von den Ergebnissen der Wissenschaften] eine verlaessliche Vorstellungen zu machen.


Original

Sceptic as an enemy must not exist

(2) The Sceptic is another enemy of religion, who naturally provokes the indignation of all divines and graver philosophers; though it is certain, that no man ever met with any such absurd creature, or conversed with a man, who had no opinion or principle concerning any subject, either of action or speculation. This begets a very natural question; What is meant by a sceptic? And how far it is possible to push these philosophical principles of doubt and uncertainty?

this Sceptic is necessary

(4) It must, however, be confessed, that this species of scepticism, when more moderate, may be understood in a very reasonable sense, and is a necessary preparative to the study of philosophy, by preserving a proper impartiality in our judgments, and weaning our mind from all those prejudices, which we may have imbibed from education or rash opinion. To begin with clear and self-evident principles, to advance by timorous and sure steps, to review frequently our conclusions, and examine accurately all their consequences; though by these means we shall make both a slow and a short progress in our systems; are the only methods, by which we can ever hope to reach truth, and attain a proper stability and certainty in our determinations.

t his Sceptic is a product of sciences

(5) There is another species of scepticism, consequent to science and enquiry, when men are supposed to have discovered, either the absolute fallaciousness of their mental faculties, or their unfitness to reach any fixed determination in all those curious subjects of speculation, about which they are commonly employed.

Hume: „Ich möchte Erfahrbares und Erforschbares studieren!“

Dass es sich lohnen duerfte, Hume zu revisitieren, koennte auch folgendes Resuemee des 22jaehrigen Philosophen nahe legen.

„Ich habe herausgefunden, dass die Philosophie ueber menschliches Handeln seit der Antike mit derselben Unzulaenglichkeit arbeitet wie die Naturwissenschaften. Beide gehen m.E. ausschließlich von Hypothesen, d.h. ueberwiegend von Erfindungen aus, anstatt sich auf Erfahrbares und Erforschbares zu beziehen. Jeder Philosoph bemueht seine Fantasie und errichtet Chimaeren inner- und zwischenmenschlicher Tugenden (Idealitaeten) und erfuellender Lebenskonzepte, ohne die menschliche Natur mit einzubeziehen, von der – aus meiner Sicht – jede philosophische Schlussfolgerung ueber gesellschaftsweit praktizierte Mitmenschlichkeit ausgehen muesste.

Deshalb moechte ich vor allem Erfahrbares und Erforschbares studieren und dieses als Quelle von Kenntnissen sowohl fuer aesthetische wie fuer humane Wissenschaften verwenden. Ich halte es inzwischen fuer eine Tatsache, dass die meisten verstorbenen Philosophen Opfer ihrer eigenen ueberragenden geistigen Faehigkeiten geworden sind.

Außerdem bin ich sicher, dass man nicht viel mehr tun muss, um zu verwertbaren Ergebnissen zu kommen, als alle diese alten Vorurteile zugunsten der eigenen Meinung oder der anderer wegzuwerfen. Davon duerfte es letztlich abhaengen, ob meine Schlussfolgerungen fuer zutreffend gehalten werden oder nicht. Innerhalb der letzten drei Jahre habe ich meine Schlussfolgerungen in einem Ausmaß vervielfacht, dass ich damit viele Stapel Papier mit Notizen fuellen konnte, die nichts weiter als meine eigenen Erfindungen enthalten.“

Diese Notizen bildeten die schriftliche Grundlage fuer Humes „Treatise Of Human Nature“.

(David Hume: Brief an einen Arzt. Edinburgh 1734. Abgedruckt in John Hill Burton: Life and Correspondance of David Hume. Edinburgh 1846. Band I. S. 30 – 39. Die Veroeffentlichung ist als PDF im Widget „Ueber Hume“ verlinkt und komplett downladbar bei Google-Buch.)

Eigenstaendig Philosophieren

Zwei Jahre nach dem Erscheinen der ersten beiden Baende der Abhandlung Ueber die menschliche natur schrieb Hume 1740: Die Philosophie, fuer die „…ich hier eintrete, scheint mir derartig faszinierend Neues zu beschreiben, sodass …[sie] die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit verdient.“*

*Im Vorwort der ZUSAMMENFASSUNG UEBER EIN KUERZLICH ERSCHIENENES BUCH mit dem Titel ABHANDLUNG UEBER DIE MENSCHLICHE NATUR, 1741.

Die Aufmerksamkeit blieb damals aus. Hume entschloss sich – anonym – Werbung in eigener Sache mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Gedanken der ABHANDLUNG zu machen, „um die Leserschaft zu vergroeßern“ (ebd.) Die Kritik christlich-religioeser Fundamentalisten war die einzige Antwort, aber sie war fuer den von Hume gewuenschten philosophischen Diskurs untauglich. Sie hat Hume Schaden zugefuegt.  Hume resuemiert: “ Ich werde mich damit begnuegen muessen, eine Zeitlang geduldig darauf zu warten, bis die Meinung der gelehrten Welt diesen Darlegungen wird zustimmen koennen.“ (ebd.) Eine breite Zustimmung zu den Hume’schen Darlegungen ist bis heute ausgeblieben. Acht Jahre spaeter in der ENQUIRY  CONCERNING HUMAN UNDERSTANDING erwaehnt er das Schweigen auf die Veroeffentlichung seiner Philosophie als moegliche Folge seines jahrelangen und weltabgeschiedenen Forschens in seiner eigenen „inneren Fabrik“. Ueber diese energieverbrauchende und zeitlich ausgedehnte Arbeit, habe er wohl vergessen, dass er ein soziales Wesen sei*, bzw. Beschraenkungen durch andere akzeptieren muesse,  koennte man aus seinen Darlegungen schließen.

*Vgl. UNTERSUCHUNGEN UEBER MENSCHLICHES DENKEN I,7. Ueblicherweise heißt der deutsche Titel Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Weil ‚VERSTAND‘ aber metaphysische Mitbedeutungen assoziiert, die m.E. nicht zum Hume’schen Philosophieren passen und deshalb auch den Zugang dazu mindestens erschweren, habe ich ihn veraendert. Ich werde dazu noch spaeter Naeheres erlaeutern.

Der wissenschaftlichen Welt seiner Zeit und ihren aufgeklaerten Buergern scheint entgangen zu sein, welche reiche Moeglichkeiten des Philosophierens Hume’s Veroeffentlichungen boten.


Habe Mut,

Dich ohne fremde Leitung Deines eigenen Denkens zu bedienen.

Hume ging davon aus, dass seine Philosophie jedem Menschen eigenstaendige Antworten wuerde ermoeglichen koennen, was dem aufgeklaerten Ideal seiner Zeit „handeln und denken ohne Bevormundung durch Autoritaeten“ entsprach. „Derartige gewagte Versuche, wie dieses Buch sie unternommen hat,“, so faehrt er in der ZUSAMMENFASSUNG fort, „scheinen mir in jedem Fall von Vorteil fuer die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft, denn sie schuetteln das Joch der Autoritaeten ab und koennen Menschen daran gewoehnen eigenstaendig zu denken. Sie geben Anregungen, die bereits eigenstaendig denkende Menschen produktiv weiter verfolgen koennen und fordern zum Widerspruch heraus, weil sie Sachverhalte erlaeutern, deren implizite Irrtuemer bisher noch niemand aufgefallen sind.“ (Im Vorwort der Zusammenfassung.)

Mit diesem Ansatz Anleitung und Anregung zum eigenstaendigen Handeln und Denken geben zu wollen, unterscheidet sich Hume’s Philosophie deutlich von metaphysischen Philosophien, weshalb in ihr m.E.– abgesehen von gleichen Lautzeichenfolgen* – keine Beruehrungspunkte mit diesen zu finden sind. Seine Empirie entspricht nicht der Empirie wie Metaphysiker bzw. Philosophen des Geistes, der Sprache oder Materialisten sie fassen. Er hat weder eine neue Erkenntnistheorie, noch eine neue Kausalitaetstheorie entwickelt. Seinen vielfaeltigen Beschreibungen sind derartige Konstrukte m.E. nur zu unterstellen, wenn man vieles ueberliest.

*“Lautzeichenfolge“ steht für Wort.


ASPEKTUALISIEREN

Seine experimentelle Methode des Philosophierens geht vom Prinzip des ASPEKTUALISIEREN aus. D.h. er geht um die Dinge herum, die er zum Thema macht. Betrachtet sie von allen Zeiten, beschreibt, was er sieht und ueberlaesst es dem jeweiligen Leser, zu pruefen und eigenes zu schlussfolgern. Dies scheint Hume-Forscher zu irritieren. Es wird nach eindeutigen, klar definierten Auffassungen Hume’s geforscht. Es werden ihm Unterlassungen, Widerspruechlichkeiten und Banalitaeten unterstellt.

So wird z.B. zu Humes Beschreibungen, wie Erfahrungen und Gewohnheit unser Denken ueber die Welt bestimmen, kommentiert: „… die Entstehung unserer Meinungen ueber die Welt richtig zu erklaeren, heißt nicht, einen Beleg dafuer zu liefern, dass unsere Meinungen ueber die Welt auch richtig sind.“ *

*Jens Kuhlenkampff: David Hume. Muenchen 1989, S. 71.

Hume erlaeuterte dazu: Wenn ich die menschliche Neigung, eine Vielzahl aehnlicher aufeinanderfolgender Ereignisse als Ursache-Wirkungs-Beziehungen aufzufassen, mit Gewohnheit bezeichne, “ … bedeutet dies nur, dass ich ein Wort verwende, ohne damit eine letzte unhintergehbare Begruendung zu liefern. Ich weise lediglich auf ein Muster menschlichen Verhaltens hin, dass allgemein anerkannt wird und das mir in seinen Auswirkungen wohl vertraut ist.“ * Und er fuegte hinzu: ‚Eventuell wird es uns eines Tages moeglich sein, mehr darueber herauszufinden.*

*Hume: UNTERSUCHUNG ÜBER MENSCHLICHES DENKEN V,5.


KAPIERBARes Philosophieren

Hume wollte Menschliches kapierbar darstellen. Dabei dachte er an einen eigenstaendig denkenden und handelnden Leser oder zumindest an einen, der dies sein moechte. Diesen moechte er mit von ihm entdeckten Hinweisen – anstatt mit Wahrheiten – darin unterstuetzen, eigene Antworten auf Fragen zu finden. Dabei zu behaupten, das eine waere ‚richtig‘ und das andere ‚falsch‘ koennte im Kontext Hume’scher Philosophie bedeuten in voraufklaererische Denkweisen zurueckzufallen. Hume hat meiner Meinung nach fuer sich aus seinen Beobachtungen Schlussfolgerungen gezogen – die er fuer zutreffend hielt – und die er anderen diskursiv zur Verfuegung stellte.

Aufklärung

 

 

Sachgemäßer Gebrauch menschlicher Physis

Es entspricht einem von Vertretern unterschiedlichster Wissenschaften komponierten Bild unserer europäischen Geschichte, bestimmte Jahrhunderte als aufgeklärt zu bezeichnen und andere nicht. Von Kant stammte für die deutsche Sicht auf die Zeit der Aufklärung die bekannte Aufforderung an seine zeitgenössischen Wissenschaftskollegen: „Habe Mut Dich Deines Verstandes zu bedienen!“ Im Kontext erläuterte er dazu: Der Mensch solle sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien. Selbstverschuldet sei diese dann, wenn Menschen nicht den Mut fänden, ohne Leitung durch fremde Autoritäten eigenständig zu denken (Vgl. Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Erstdruck in: Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784, S. 481-494. In der elektronischen Edition des Bonner Kant Korpus unter http://www.korpora.org/Kant/aa08/035.html) Möglicherweise dachte er dabei daran, welchen Mut er aufbringen musste, um in Anwesenheit von preußischen Sicherheitsbeamten öffentlich seine Sichten über Gott und die Welt vorzutragen, die gemäß oberster Anordnung darauf zu achten hatten, dass niemand in Preußen christliche Auffassungen in Frage stellte.

Eventuell aber hatte er dabei noch mehr im Blick, wie entmutigend auf ihn die erzwungene Übernahme fremden Denkens und Handelns als Kind, Schüler und Student gewirkt hatte und wie schwer es ihm schließlich gefallen war, eigene Wege zu finden. „Es ist … für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat  sie sogar lieb gewonnen und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon  machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalsten Graben einen nur unsicheren Sprung thun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher giebt es nur Wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit heraus zu wickeln und dennoch einen sicheren Gang zu thun. “ (http://www.korpora.org/Kant/aa08/036.html)

 

 

Dialog

Schlussfolgerungen aus meiner diskontinuierlichen und schwierigen Entwicklung zu einem ‚mutigen‘ Selberdenken lassen mich vermuten, dass die konkreten Veränderungen in den mit ‚Aufklärung‘ bezeichneten Jahrhunderten Vorläufer gehabt haben dürften, die weit davor zu finden sein könnten.

Es stellt sich außerdem die Frage, im Hinblick worauf ein Mensch den eigenständigen Gebrauch seines Verstandes ausübt und optimiert, wenn er eigene Wege gehen möchte und welches der Rahmen dafür sein könnte, wenn Eigenes gefunden und gedacht werden möchte.

Erste Hinweise zu einer Antwort, hatte ich schon als junges Mädchen beim platonischen Sokrates gefunden. Zum einen faszinierten mich die Dialoge. Seine Fragen stellten andere vor Fragen, die diese sich ohne ihn möglicherweise nicht gestellt haben dürften. Zum zweiten faszinierte mich, dass er konsequent seinen eigenen Entscheidungen und Werten folgte, auch wenn sie ihm Nachteile einbrachten. Und drittens gefiel mir, dass er nicht vorgab, über etwas Bescheid zu wissen, was er nicht kannte.

Dialog, eigenes Entscheiden und Orientieren an eigenen Kenntnissen waren dann die Aktivitäten und Ideale, denen ich in den Jahrzehnten bis heute folge. Es hat mich viel Zeit und Energie gekostet, herauszufinden, was an ‚metaphysischen Erkenntnissen‘ dran sei, die ich im Anschluss an meine Faszination für den platonischen Sokrates, bei Platon und Augustinus, bei Descartes, Pascal und Kant interessiert erkundete. Dies geschah über viele Jahre gemeinsam im Dialog über die metaphysischen und erkenntnistheoretischen Forschungen meines ersten Philosophieprofessors, im Laufe dessen sich eine freundschaftliche Verbindung entwickelte. Eigenständige Forschungen auf diesem Gebiet – zu denen er mich herausforderte – haben mich schlussfolgern lassen, dass an Kenntnissen auf dem Gebiet der Metaphysik und der Erkenntnistheorie im Hinblick auf Vernunft, Geist, Wahrheit, Seele … für mich nichts zu finden war. Letzteres wurde mir erst nach und nach klar, indem andere mich fragten und ich mich in Gesprächen in Frage stellen ließ. Rolf Reinhold schoss in dieser Hinsicht den Vogel ab, indem er für mich überzeugend meinte: „Ich weiß nicht, was Geist ist!“ Meine Behauptung, ich könne ihm das erklären, ließ sich falsifizieren.

So entwickelte sich ein weiterer wichtiger Dialog in meinem Leben, der mit einem Experiment für mich begann. Dieses Experiment möchte ich heute als „Aufklärung“ bezeichnen. Es ermöglichte mir und ermöglicht es noch eigenen Entscheidungen und Werten zu folgen und mich an meinen eigenen Kenntnissen zu orientieren.

 

Orientierung an Kenntnissen

David Hume’s Kenntnisse über Grundlagen und Funktionsweisen menschlichen Denkens und Handelns – kurz zusammengefasst seine Kenntnisse über die menschliche Natur – die ich hier ausschnittweise veröffentliche, sind in den letzten Monaten zu einem weiteren faszinierenden Gegenstand geworden, bei deren Erforschung ich mir weitere Anregung für mein Selberdenken und Entscheiden erhoffe. Als ich noch damit beschäftigt war, ‚metaphysische Erkenntnisse‘ zum Bezugsrahmen meines eigenen Denkens zu machen, konnte ich mit Hume wenig anfangen. Ein Schicksal das auch heute noch viele Hume-Interpretatoren auf ihre je eigene Weise erleiden.

Im Unterschied zu früher verzichte ich auf ‚Erkenntnisse‘ und beziehe mich auf Kenntnisse. ‚Kenntnisse‘ waren auch für die bekanntesten schottischen Aufklärer Locke und Hume Ausgangspunkt für ihren Wunsch, philosophie-wissenschaftliche Verbesserungen zu erreichen, die dem einzelnen und der Gesellschaft Anleitungen zu einem lebenswerten Leben liefern könnten. Sie taten dies im Gespräch untereinander mit Naturwissenschaftlern, insbesondere Medizinern.

Die Ideen zu neuen Konzepten über die menschliche Natur waren schon seit längerem im Umlauf. Allerdings wurde der Zugriff auf sie erschwert, weil die ‚Natur des Menschen‘ durch die christlich-theologische Philosophie mit konträren metaphysischen Denkfiguren und intelligiblen Erkenntnissen gläubig erklärt war. Diese Erklärungen wurden als Wissen gehandelt, von Laien gläubig übernommen und umgesetzt.  Diese Tradition konnte man kritisieren, aber man konnte sie nicht einfach aushebeln. Jeder dieser Aufklärer brauchte angesichts dieser starken Übermacht Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und eigene Sichten auf anderer Grundlage zu publizieren.

Philosophische Aufklärer

‚Alles, was Menschen je über Menschen gedacht und geschrieben hatten, führe zu ähnlichen Aussagen über den Menschen,‘ meinte der Italiener  Pico della Mirandola (1463-94). Sein in diesem Sinne projektierter „Weltfriedenskongress“  fand nicht statt. Die von ihm dazu vorbereiteten Thesen wurden von der römischen Kurie als häretisch abgelehnt und er starb im Gefolge kirchlicher Feindseligkeiten vor dem Jahr 1497, in dem sein „Weltfriedenskongress“ in Rom stattfinden sollte. Seine Schriften wurden posthum europaweit verbreitet.

Neben den primär literarisch-wissenschaftlich begründeten Idealen des Pico della Mirandola und anderer italienischer Humanisten wie Ficino und Sayonarola waren schon früher im Norden Europas sensoristisch orientierte und so philosophisch-wissenschaftlich grundlegend andere Sichten entwickelt und wirksam geworden.

Roger Bacon (1214-92/4), ein englischer Franziskaner, meinte – für seine Zeit ketzerisch aufklärend – ‚ohne sinnliche Erfahrung taugt die bestbegründetste Theorie nichts‘ (vgl. das von Google-Buch und dem Verlag Kessinger Pub. Co. zur Verfügung gestellte OPUS MAJUS  C-583.)

Sein jüngerer schottischer Zeitgenosse Johannes Duns Scotus (1266-1308) äußerte laut die Überzeugung, dass Philosophen davon ausgehen sollten, dass alles, was Wissenschaften für Aussagen über den Menschen notwendigerweise brauchen, sich aus ganz natürlichen Ursachen ergäbe (Vgl. die von Google-Buch und dem Felix-Meiner-Verlag zur Verfügung gestellte deutsch-lateinische Ausgabe ‚Über die Erkennbarkeit Gottes‘, Prolog Quaestio 1,4) . Philosophen könnten auf „geistig-geistliche Wahrheitserkenntnisse“ verzichten, wie sie die augustinische und aquinatische Wissenschaftstradition für möglich und unerlässlich hielt.

Wilhelm von Ockham (1285-1347) – politisch aktiv und philosophisch allen Autoritäten widersprechend – hielt Theorien für Produkte von ‚impressions‘ und Ideen für Konzepte des Wahrnehmens bzw. des Sensorierens. Ockham bestritt jede kirchliche Autorität für weltliche Angelegenheiten und insbesondere für die Wissenschaften. (vgl. u.a. die bei Google-Buch zur Verfügung gestellten Titel: Henry Hart Milman: The History of Latin Christianity. Bd.VI, London 1855, S. 473. Jan P. Beckham: Wilhelm von Ockham. München, Becksche Verlagsbuchhandlung, 1995, S. 57.) W

Mit Bacon, Scotus und Ockham begann in England eine im Ansatz ametaphysische und sensoristische philosophische Tradition, zu der sich später auch der schottische Aufklärer David Hume gesellte. (Vgl. z.B. den von Google-Buch und dem Bibliobazaar-Verlag 2009  zur Verfügung gestellten Titel James Seth (Edinburgh): English Philosophers and Schools of Philosophy., S. 11 u.a.)

Die mit Bezeichnungen wie  ‚Geist‘ , ‚Vernunft‘ , ‚Intelligibilität‘ operierende scholastisch-kirchliche, philosophische Wissenschaftsautorität wurde im Zuge dieses ansatzweise ‚physistisch philosophieren‘  grundsätzlich abgelehnt.

Kant – einer der letzten Aufklärer – hat sich mit dem aus meiner Sicht unproduktiven Spagat seiner Transzendentalphilosophie zwischen diesen beiden unterschiedlichen Ursprüngen des Philosophierens für den Primat der ‚ Vernunft‘ und damit möglicherweise für die alte, scholastische Metaphysik entschieden. Ein Umstand, der eventuell mit dazu beigetragen hat, dass gegenwärtige Philosophen – kaum merklich, aber wirksam  – in (mittel)alte(rliche)n  ontologischen Denkfiguren stecken. Diese verwehren es ihnen – neben anderem – mehrheitlich,  sensoristischen philosophischen Ansätzen nachgehen und diese im Diskurs philosophisch-wissenschaftlich nutzbar machen zu können.  Philosophierende Naturwissenschaftler sprangen bisher in die Lücken.