Vorstellungen über Vorstellungen …

Über unsere Natur

 

Eines der größten Geheimnisse der Philosophie: Wie unterscheiden wir Tatsachen von Fiktionen? Wir empfinden den Unterschied und wir können ihn auch erinnern und darüber nachdenken. (Hume Treat. 1.3.7.7)

Dass unser  Denken uns selber verwirrend erscheint (Treat. 1.2.3.2), könnte daran liegen, dass wir nichts als Eindrücke und Vorstellungen haben. (Treat. 1.2.6.7) Sie werden durch unsere kreative Fähigkeit hergestellt … (Treat. 1.3.5.2)

Eindrücke und Vorstellungen sind inaktiv …(Treat. 1.3.4.2) Sie erscheinen ununterbrochen in unserem Gehirn . Wir können weder ihre Gestalt noch ihre Teile präziseren. (Treat. 1.2.5.29) Doch wir reden mit anderen über unsere Eindrücke und Vorstellungen, und verwechseln sie dabei leicht – das dürfte auch beim Nachdenken passieren.  (Treat. 1.2.5.19) 

Im Vordergrund steht, dass wir etwas mitteilen möchten … (Treat. 1.2.5.21) Fiktionales können wir nur als Fiktion mitteilen. Unser Denken wird in hohem Maße davon bestimmt, wie wir das,  was wir denken, erleben bzw. empfinden. (Treat. 1.3.8.2) Phantasien sind weniger lebhaft und nachhaltig. 

Es ist sehr schwierig, Denkprozesse ganz zutreffend und genau zu beschreiben. Unsere Alltagssprache ermöglicht kaum auf den Punkt gebrachte Unterschiede zwischen ihnen. (Treat. 1.3.8.15)

Die Physiologen kommen zu dem Schluss:  Auf keinen Fall kann das Gehirn mehr bieten, als das,  was ihm die Sinne vermitteln …(Treat. 1.3.2.2) Meine Fiktionen gehören ins Märchenland. 

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Irrtuemer 2


Zur Tradition einer metaphyisch geprägten Hume-Interpretation

Es ist unter Forschern und Interessierten immer wieder die Rede davon,  dass Kant durch Hume aus seinem „dogmatischen Schlummer“ geweckt worden sei. Von welcher Art das Aufwachen Kants im Hinblick auf Hume war, scheint mir fuer die Grundlagenforschung von ‚philosophieren‘ noch kaum untersucht. Im deutschen Sprachraum ueberwog bisher die metaphysisch gepraegte Auffassung, dass Kantisches dem Humeschen ueberlegen sei. Um dies unter Beweis zu stellen, stuelpte man z, B. die kopernikanische Wende zum Subjektivismus ueber Humesches und uebersah dabei, dass Hume nur von seinen eigenen Sichten, d.h. vom Individuellem ausging.  Dies koennte u.a. eine Folge seiner sehr fruehen physiologischen Lektuere und moeglicher spaeterer Teilnahme an physiologischen Vorlesungen der Universitaet Edinburgh gewesen sein. (Vgl. Literaturhinweis „Stewart“ am Schluss.)  

Weil Hume mit ‚mind‘, ’soul‘, ‚understanding‘ … dem gewohnten Sprachgebrauch folgte, unterlegte man ganz selbstverstaendlich metaphysische Inhalte. Man hielt Hume fuer einen Erkenntnistheoretiker, behauptete er habe sich mit Induktion befasst oder er habe eine neue Kausalitaetstheorie entwickelt. Dies u. v. a. m. duerfte einer stimmigen und umfassenden Werkinterpretation Humes im Wege stehen.  Philosophiegeschichtliche Darstellungen unterschiedlichster Autoren duerften an diesem metaphysisch gepraegten Hume-Bild mitgewirkt haben. Schon Wilhelm Gottlieb Tennemann (1761-1819)  betrachtete in seiner Philosophiegeschichte (veroeffentlicht 1798-1819) den Verzicht Humes auf Geist und Metaphysik als den entscheidenden Mangel der „Menschenwissenschaften“. Diese Auffassung von der qualitativen Ueberlegenheit eines auf Geist und metaphysischen Spekulationen gegruendeten ‚philosophieren‘  koennte nachfolgende Forscher bewogen haben, ueber kurze Wege zu interpretieren, ohne den weitlaeufigeren Wegen Humes mehr als noetig nachzuspueren. Tennemann erwaehnte interessanterweise in Verbindung mit den schottischen Sensualisten Locke, Berkeley und Hume den schottischen Mediziner David Hartley (1704-1757), der „Nervenschwingungen“ als Grundlage fuer menschliches Denken betrachtete. (Vgl.: Amadeus Wendt (Hg.): Wilhelm Gottlieb Tennemann: Grundriss der Geschichte der Philosophie fuer den akademischen Unterricht. Leipzig 1829, 5. Aufl., §370. )  

Hume wird in grundlegender Hinsicht traditionell gern als „Aufsehen erregendes Vorlaeuferphaenomen Kants“ betrachtet. „… Kant ohne Hume ist einfach nicht denkbar. Zuerst musste ein groszer, scharfsinniger und tiefbohrender, vor keiner Konsequenz zurueckscheuender Denker, wie Hume, den Rationalismus voellig zerstoeren und den Empirismus zu einem folgerichtigen, in Phaenomenalismus und Skeptizismus sich aufloesenden Abschluss bringen …“ (I. Mirkin: Hat Kant Hume widerlegt? Eine erkenntnistheoretische Untersuchung. Bern 1901. Habil.Schr. Kant-Studien, Band 7, Heft 1-3, Seiten 230–299, dort S.230.) Solche Saetze duerften eine metaphysisch gepraegten Sicht auf die Humesche Grundlegung des ‚philosophieren‘ anzeigen. Sie tragen deutlich Zuege der ersten englischen Humeinterpretationen: 1764 von Thomas Reid (1710-1796) und 1770 von James Beattie (1735-1803). Die Reid-Beattie-Interpretation verhinderte – laut Lambert Wiesing (David Hume: Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Uebers. Raoul Richter. Kommentar v. Lambert Wiesing. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2007, 410-414) und Gerhard Streminger (vgl. Gerhard Streminger: Zur Wirkungsgeschichte David Humes. In: Topitsch&Streminger: Hume. Darmstadt 1981, S. 19-51. wirksam fast 200 Jahre lang jede Art von Interpretationen, die die Komplexitaet Humescher Forschungsergebnisse beruecksichtigten. „Stueckwerkinterpretationen“ (Streminger, ebd. S. 48) waren und sind auf dem Gebiet der Interpretationen der  „Menschenwissenschaften“ allgemein akzeptierter wissenschaftlicher Brauch. Hume hatte 1740 in seinem ABSTRACT zum TREATISE diesen Umstand im Blick. Er bezeichnete es als die Krux fuer die Verbreitung seiner Philosophie, dass der Leser gefordert werde,  weitlaeufige Gedankengaenge zusammenschauend im Gedaechtnis zu behalten, um sich ein zutreffendes Gesamtbild machen zu koennen.  Diese weitlaeufigen Gedankengaenge verkuerzte er fuer die UNTERSUCHUNG UEBER DEN MENSCHLICHEN VERSTAND.

Die Kenntnisse aus Humes „Menschenwissenschaft“ verbreiteten sich philosophisch gewinnbringend unter wenigen. Im deutschsprachigen Raum waren es z.B. die Philosophen Johann August Ulrich (1746-1813) in Jena  und Johann Christian Lossius (1743-1813) in Erfurt.  Lossius bezog seine Forschungsergebnisse UEBER DIE PHYSISCHEN URSACHEN DES WAHREN ausdruecklich auf „Nervenerregungen“. Spaeter folgten Ernst Mach (1838-1916) , Richard Wahle (1857-1935) , Albert Einstein (1879-1955) , Hartwig Kuhlenbeck (1897-1984) , …etc.).  

„Es ist ganz sicher, daß alle Daten der Erfahrung nur gegeben sind beim Bestande menschlicher Sinne und des menschlichen Gehirnes. Wir sagten nicht, daß alle empirischen Daten als Empfindungen in einem Bewusztsein gegeben seien;  […] Aber es ist sicher, daß alle empirischen Vorkommnisse nur bei gleichzeitiger Aktion der Nervenapparate vorhanden sind, also, abgekuerzt gesprochen, an den Bestand von Sinnen gekoppelt sind. Es ist somit moeglich, da man es nur mit Relativitaeten zu tun hat, daß die wahre Natur der Dinge durch die Konkurrenz der Sinne vollstaendig verschleiert ist.“ (Richard Wahle: Die Tragikomoedie der Weisheit — Die Ergebnisse und die Geschichte des Philosophierens (1915); 2. Auflage, 1925, S. 85.)

Irrtuemer 1


Humes Philosophie als Ergebnis von ‚philosophieren‘ in eigener Sache

Die geringe Resonanz auf die aus meiner Sicht „sensationellen“ Texte Humes beschaeftigt mich. Wie kommt es, dass Humes Beschreibungen des Menschlichen, seine Aussagen ueber Kommunikation (’sympathizing‘), ja insgesamt Humes grundsaetzlich eigenstaendige neue Sichten, die anderen eigenstaendiges Philosophieren ermoeglichen koennen, so wenig Aufmerksamkeit finden? In den nachfolgenden Artikeln moechte ich veroeffentlichen, was ich dazu herausgefunden habe.

Der Personenkreis,  an den ich als moegliche Interessenten fuer Humes Philosophie denke, sind Menschen die ‚philosophieren‘ fasziniert. Mit ‚philosophieren‘ meine ich im Allgemeinen, ueber alles, was ich merke nachzudenken. Dieses ’nachdenken‘ bezieht sich auf Material, das das Leben zur Verfuegung stellt, besteht also aus Ereignissen und entsprechenden Erlebnissen, die mehr oder weniger angenehm waren. Aus diesen ziehen Menschen Schlussfolgerungen für ‚handeln‘ in der Gegenwart – d.h. sie lernen -, was üblicherweise mit dem Wort „Erfahrung“ bezeichnet wird. Menschen, die ‚philosophieren‘ fasziniert, interessieren sich in diesem Zusammenhang auch fuer das, was amtlich bestellte oder bekannte Philosophen zu sagen haben. Denn diese bestimmen mit ihren Auffassungen den oeffentlichen Diskurs.

Meine Beduerfnisse, denen ich mit meinem ‚philosophieren‘ zu entsprechen suche, beziehen sich auf mein ‚handeln‘ fuer mich und fuer andere. Es geht mir darum, eigene Orientierungen bzw. Kriterien fuer menschliches ‚handeln‘ zu entdecken, mit denen ich mein ‚handeln‘ verbessern kann.  Eine Reihe weiterer Merkmale meines  physistisch geprägten ‚philosophieren‘ findet sich unter Rolf Reinhold’s PHYSISTIK. Ich verdanke es dem Philosophen Rolf Reinhold, dass ich „das Rad nicht neu erfinden musste“, sondern die von ihm fuer sein Leben gefundenen Muster menschlichen Handelns als erste Orientierungen und Auffinden meiner Kriterien verwenden konnte. Da ich davor bereits bei toten und lebenden Metaphysikern (u.a.  Platon und Augstin von Thagaste) in die Schule gegangen war, ist es fuer mich auszerdem wichtig zu klaeren, weshalb die Metaphysik fuer mich keine Orientierungen und Kriterien zu Verfuegung stellte. Dies steht alles im Kontext meines Interesses am Humeschem ‚philosophieren‘.

Humeforscher gehen von einem ganz anderen Ansatz des ‚philosophieren‘ aus als ich und kommen so zu anderen Humeinterpretationen. So schreibt z.B. Lambert Wiesing in seinem Kommentar zu Humes UNTERSUCHUNG UEBER DEN MENSCHLICHEN VERSTAND, es sei unter Philosophen unstrittig, „dass philosophische Forschung keine empirischen Beweise erbringt, sondern durch kategoriale und begriffliche Argumentation vollzogen wird“ (David Hume: Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Übers. Raoul Richter. Kommentar v. Lambert Wiesing. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2007, S. 254). Weil Hume nach Wiesings Meinung ‚Empirie‘ als Beweise fuer seine philosophischen Forschungsergebnisse benutze – Humes Differenzierungen in diesem Punkt könnte er überlesen haben (vgl. u.a. David Hume: Untersuchung ueber den menschlichen Verstand V,2) -, erklaert er das Humesche ‚philosophieren‘ fuer gescheitert. Wiesing meint, das Scheitern mache den „klassischen Wert“ Humes fuer die Philosophie aus. Hume habe aber eigentlich blosz „psychologische Betrachtungen“ angestellt (ebd.). Auch dies scheint unter deutschen Humeforschern unstrittig zu sein.

Lambert Wiesings Auffassung über Philosophieren duerfte unter universitaer ausgebildeten Philosophen und Humeforschern unstrittig sein, aber nicht unter philosophierenden Menschen, die ‚philosophieren‘ als koerperumfassende Aktivität ihres eigenen Lebens fasziniert. Diese ‚physistisch gepraegten‘ Philosophen folgen stets ihren eigenen Wegen zu ‚philosophieren‘, weil sie davon ausgehen, dass nur eigene Wege sie weiterbringen. Sie moechten ’sagen, was sie sehen und denken, was sie denken‘. Nichts was andere meinen, bleibt ungeprueft, auch Eigenes nicht.

Der Behauptung Wiesings, dass Empirie (Erfahrung) keine Beweise bringt, stimme ich mit Hume gern zu: Beweise sind nur innerhalb von in sich geschlossenen Systemen moeglich, wie sie z.B. die Mathematik produziert (vgl. Untersuchung ueber den menschlichen Verstand V,1.) Ereignisse, Situationen menschlichen Lebens aber, insbesondere ‚Menschen‘, sowie ‚handeln‘ und ‚denken‘ bezeichnen keine in sich geschlossenen Systeme. Von ihnen nimmt Hume an, dass sie philosophische Forschungsergebnisse liefern, die ausschließlich ‚probabilistischen‘ Charakter haben (vgl. z.B. Untersuchung ueber den menschlichen Verstand IV Abhandlung ueber die menschliche Natur 1.4.5. 30|35.) Die Begrenztheit probalistischer Aussagen akzeptiert Hume, weil sie  in der Natur der Sache liegen. Diese Sachen sind ‚impressions‘ und ’sensations‘, stets ‚peripherieoffen‘ und so veraenderbar. Menschen werden kontinuierlich durch koerperliche Eindrücke und Empfindungen pertubiert. Diese werden an der koerperlichen Peripherie oder durch entsprechende innere Organlagen ausgeloest und bilden die Basis unserer Entscheidungen. 

Solange dieses natuerliche Lernprinzip ausgeschlossen wird, ist fuer mich jede ‚kategoriale und begriffliche‘ Festlegung unbrauchbar, weil sie so tut, als sei sie vom Himmel gefallen. Wiesing laesst diesem Verstaendnis folgend die menschliche Physis auszen vor. Derartiges ‚wegsehen‘ ist m. E. nicht unter ‚psychologischen Betrachtungen‘ zu verbuchen. Dies entstammt einer nach wie vor lebendigen philosophischen Tradition Deutschlands, in der mehr oder weniger offensichtlich uralte Kategorien und Begriffe verwendet werden, die Autoritaetsabhaengigkeit signalisieren.

Kant hielt die menschliche Natur fuer philosophisch unerheblich, weil er die uneingeschraenkte Steuerbarkeit der menschlichen Physis durch Verstand und Vernunft als a priori gegeben ansah (vgl. Johann Kraus: Recension von Ulrich’s Eleutheriologie). Hume aber machte von der menschlichen Physis als Ausgangpunkt fuer seine Abhandlung ueber die menschliche Natur positiven Gebrauch. Anstatt wie Kant von Theorien des ‚denken‘  ging er von physiologischen Forschungserebnissen seiner Zeit und vor allem von seinem eigenen Beobachten menschlichen Verhaltens aus,  sein eigenes einschließlich. Die Tradition der „Kategorien und Begriffe“ duerfte also hinsichtlich Hume keine zutreffenden Kriterien der Interpretation zur Verfuegung stellen koennen, weil Hume ihr nicht folgte. Bereits als junger Mann hat Hume jede Unterordnung seines ‚philosophieren‘ unter alte Theorien abgelehnt. „Ich habe herausgefunden, dass die Philosophie ueber menschliches Handeln seit der Antike mit derselben Unzulaenglichkeit arbeitet wie die Naturwissenschaften. Beide gehen m. E. ausschlieszlich von Hypothesen und Spekulationen aus, anstatt sich auf Erfahrbares und Erforschbares zu beziehen…Man muss nicht viel mehr tun, um zu verwertbaren Ergebnissen zu kommen, als alle diese alten Theorien zugunsten der eigenen Sichten oder der anderer wegzuwerfen. Es duerfte letztlich von den Sichten anderer abhaengen, ob meine Schlussfolgerungen fuer zutreffend gehalten werden oder nicht. Innerhalb der letzten drei Jahre habe ich meine Schlussfolgerungen in einem Ausmasz vervielfacht, so dass ich damit viele Stapel Papier mit Notizen fuellen konnte, die ausschlieszlich das enthalten, wie ich die Dinge sehe.“ (David Hume: Brief an einen Arzt. Edinburgh 1734. Abgedruckt in John Hill Burton: Life and Correspondance of David Hume. Edinburgh 1846. Band I. S. 30 – 39.)

Kausalitaet I

Hume ueber Kausalitaet: ENQUIRY, IV, 8 ff.

Die Erinnerung an Erlebnisse bestätigt, dass Erfahrung nötig ist.

Wenn man sagt, dass die Ursachen und Wirkungen nicht durch Nachdenken, sondern nur durch Erfahrung festgestellt werden koennen, dann stimmen die Leute stets gerne zu fuer alle die Faelle, an die sie sich erinnern, wo ihnen dieser Zusammenhang vorher nicht bekannt war. … Man gebe einem Menschen, der keine Ahnung von Physik hat, zwei geglaettete Marmorplatten, die aufeinander liegen, fest miteinander zusammenhaengen und fordere ihn auf, sie voneinander zu loesen. Erst wenn er erfahren hat, dass die beiden Platten sich durch seitliches Verschieben mit weniger Kraft voneinander trennen lassen, als wenn er sie durch senkrechtes Abheben voneinander trennen moechte, wird er zwischen Bewegungsrichtung und Kraftaufwand einen Zusammenhang vermuten koennen. Bei solchen Ereignissen, die man nicht aus alltaeglichen Erlebnissen mit der Natur kennt, stimmen Menschen gern zu, dass man das nur durch Erfahrung wissen kann. Auch wird niemand behaupten, dass er die Explosionskraft eines entzuendeten Pulvers oder die Anziehungskraft eines Magneten a priori, also ohne Erfahrung nur durch Nachdenken entdecken koenne.

Ebenso wenig duerfte jemand bestreiten, dass man nur durch Erfahrung die Wirkungen einer komplizierten Maschine und das Funktionieren ihrer Teile kennen kann. Oder will moeglicherweise jemand behaupten, er wisse ohne Erfahrung, ob Milch und Brot – die fuer den Menschen taugen – ein passendes Nahrungsmittel fuer einen Baeren oder einen Tiger sein koennen?

Unsere Erfahrung veranlasst uns davon auszugehen, dass es beobachtbare Zusammenhaenge gaebe.

Diese Gewissheit aber, dass wir ohne Erfahrung keine Zusammenhaenge kennen koennen, verlaesst uns Menschen, wenn wir ueber Ereignisse reden, die wir schon von klein auf kennen, oder die natuerlichen Ereignissen aehneln oder die vermeintlich von einfachen Eigenschaften der Dinge abhaengen und nicht von irgendwelchen verborgenen Mechanismen. Da meint man nun ploetzlich, dass man den Zusammenhang durch blosses Nachdenken und ohne jede Erfahrung entdecken kann. Man tut dann so, als ob man – ploetzlich in die Welt gestellt – schon vorher wisse, dass eine Billardkugel der anderen durch Stossen seine Bewegung weitergeben koenne. Da meinen Menschen, dass man keine Erfahrung brauche, um diesen Zusammenhang schon vorhersagen zu koennen. Daraus kann man schliessen, wie stark die Macht der Gewohnheit ist. Da wo sie am staerksten ist, verbirgt sie nicht nur unsere ganz natuerliche Unkenntnis, sondern sie verbirgt auch sich selbst. …

Naturgesetze und Bewegungen sind Produkte unserer Erfahrung.

Moeglicherweise koennen die folgenden Beschreibungen ausreichen, zu erlaeutern, dass alle Naturgesetze und alle Bewegungen der Koerper ausnahmslos nur durch Erfahrung kennen gelernt werden. Wird uns zum Beispiel ein unbekannter Gegenstand gebracht, und wir sollen angeben, welche Wirkung von ihm ausgehen wird, ohne fruehere Erfahrungen zu Rate zu ziehen, so ist doch die Frage, wie soll ein Mensch dabei vorgehen, um zu einer zutreffenden Aussage zu kommen. Nun er muss sich eine moegliche Wirkung ausdenken oder sie erfinden. Klar ist dabei, dass eine derartige Aussage ganz willkuerlich sein duerfte. Menschen koennen in diesem Fall keine Wirkung am unbekannten Gegenstand entdecken, auch wenn sie ihn ganz genau untersuchen und pruefen.

Ohne Erfahrung – apriori – koennen Menschen sich keine Vorstellungen von zukünftigen Ereignissen machen.

Das duerfte daran liegen, dass Ursache und Wirkung voellig verschieden voneinander sind. Die Bewegung der zweiten Billardkugel ist ein ganz anderes Ereignis als die Bewegung der ersten. Die Bewegung der ersten Kugel enthaelt keinerlei Hinweis auf die Bewegung der zweiten. Ein Stein oder ein Metallklumpen faellt sofort, wenn ich ihn loslasse. Betrachte ich ihn aber bevor ich diese Erfahrung gemacht habe, also a priori, hat da schon jemals jemand etwas an ihm entdeckt, dass Menschen veranlassen koennte, sich eine Vorstellung davon zu machen, dass er nach unten fallen duerfte, anstatt nach oben oder zur Seite?

Der Zusammenhang  zwischen zwei Ereignissen wird apriorisch beliebig  gesetzt.

So willkuerlich, wie jede Idee oder Erfindung einer bestimmten Wirkung eines singulaeren oder erstmaligen Naturereignisses ohne Erfahrung ist, so willkuerlich scheint mir auch das behauptete Band oder die Verbindung zwischen Ursache und Wirkung, welche es angeblich moeglich machen soll, vorauszusagen, dass nur eine ganz bestimmte Wirkung von einer Ursache ausgehen kann. Wenn ich z.B. sehe, wie eine Billardkugel auf eine andere zurollt, kann ich mir zwar vorstellen, dass die andere sich gleich bewegen wird und dass diese Bewegung eine Folge dessen ist, dass die erste sie beruehrt bzw. sie anstoesst. Aber kann ich mir nicht genauso gut 100 andere Wirkungen vorstellen? Moeglicherweise, dass die Kugeln still liegen bleiben? Oder das die erste nach dem Stoss zurueckrollt oder in irgendeine andere Richtung wegspringt? Alle diese Annahmen sind moeglich und denkbar. Wie soll ich mich im Vorwege entscheiden? Welche von den vielen Moeglichkeiten duerfte eintreten? Alle Gruende, die ich mir denke, geben mir a priori keinen Anhaltspunkt fuer meine Entscheidung.

Kurz gesagt: die Wirkung ist von ihrer Ursache verschieden, deshalb kann ich die Wirkung nicht in der Ursache finden. D.h. jede Idee und jede Erfindung einer moeglichen Wirkung duerfte voellig willkuerlich bleiben. Und selbst dann, wenn ich die Wirkung einer bestimmten Ursache kenne, bleibt die Verbindung mit der Ursache genauso willkuerlich, weil es denkbar und vorstellbar ist, dass es viele andere Wirkungen gibt. Meint man also, dass man ein Ereignis ohne Hinsehen und Erfahrung im Voraus bestimmen oder Ursache und Wirkung schlussfolgern koenne, so entbehrt dies jeder Grundlage.

Menschen können schlussfolgern,  Ereignismuster bilden, aber keine Letztbegründungen finden.

Diese Sachverhalte verwehren es einem nachdenklichen Philosophen, dem die Grenzen seines Denkens bekannt sind, zu behaupten, er koenne die letzte Ursache irgendeines Naturereignisses bezeichnen oder die exakte Wirkung demonstrieren, die infolge der Ursache geschieht, die jedes Ereignis im Universum herstellt. Die hoechste Leistung, die wir denkend dabei erbringen koennen, ist durch Schlussfolgerungen aus Analogie, Erfahrung und Hinsehen die Menge der Ereignismuster, die wir an den Naturphaenomenen feststellen, auf einige einfache zu reduzieren und die vielen einzelnen Wirkungen auf einige wenige allgemeine Ursachen zu beziehen. Die Ursachen dieser allgemeinen Ursachen entdecken zu wollen, scheint mir ein vergebliches Unterfangen, ausserdem duerften wir wohl kaum Erklaerungen finden, die uns wirklich zufrieden stellen duerften. Diese letzten Anfaenge und Prinzipien duerften unserem Forscherdrang und unseren Forschungen nicht zugaenglich sein.