Vorstellungen über Vorstellungen …

Über unsere Natur

 

Eines der größten Geheimnisse der Philosophie: Wie unterscheiden wir Tatsachen von Fiktionen? Wir empfinden den Unterschied und wir können ihn auch erinnern und darüber nachdenken. (Hume Treat. 1.3.7.7)

Dass unser  Denken uns selber verwirrend erscheint (Treat. 1.2.3.2), könnte daran liegen, dass wir nichts als Eindrücke und Vorstellungen haben. (Treat. 1.2.6.7) Sie werden durch unsere kreative Fähigkeit hergestellt … (Treat. 1.3.5.2)

Eindrücke und Vorstellungen sind inaktiv …(Treat. 1.3.4.2) Sie erscheinen ununterbrochen in unserem Gehirn . Wir können weder ihre Gestalt noch ihre Teile präziseren. (Treat. 1.2.5.29) Doch wir reden mit anderen über unsere Eindrücke und Vorstellungen, und verwechseln sie dabei leicht – das dürfte auch beim Nachdenken passieren.  (Treat. 1.2.5.19) 

Im Vordergrund steht, dass wir etwas mitteilen möchten … (Treat. 1.2.5.21) Fiktionales können wir nur als Fiktion mitteilen. Unser Denken wird in hohem Maße davon bestimmt, wie wir das,  was wir denken, erleben bzw. empfinden. (Treat. 1.3.8.2) Phantasien sind weniger lebhaft und nachhaltig. 

Es ist sehr schwierig, Denkprozesse ganz zutreffend und genau zu beschreiben. Unsere Alltagssprache ermöglicht kaum auf den Punkt gebrachte Unterschiede zwischen ihnen. (Treat. 1.3.8.15)

Die Physiologen kommen zu dem Schluss:  Auf keinen Fall kann das Gehirn mehr bieten, als das,  was ihm die Sinne vermitteln …(Treat. 1.3.2.2) Meine Fiktionen gehören ins Märchenland. 

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Irrtuemer 3


Hume’s unentdeckte Sachlichkeit

Die sehr weitreichenden Anregungen Humes fuer ‚handeln‘ Einzelner und fuer gemeinsames ‚handeln‘ von Gemeinschaften wurden in der Humeforschung bisher noch nicht bemerkt. In der Mitte des letzten Jahrhunderts – mit Gruendung der Hume Society – begann man Hume in einem internationalen Rahmen zu interpretieren. Humeforscher befassten sich seitdem mit Einzelfragen -„Stueckwerkinterpretationen“ (Streminger) – und Interpretationsproblemen, die m. E. die Sache Humes nur in Annaeherungsgraden erreichten. Mit der Entscheidung Hume ausgehend vom anatomischem Wissenstand seiner und dem neurobiologischen unserer Zeit zu interpretieren, glauben Rolf Reinhold und ich eine Basis gefunden zu haben, die Interpretationen moeglich machen koennte, die in der Sache treffender und fuer den Forschungsdiskurs anregender sein koennten. Bis jetzt machte man keinen Gebrauch von ähnlichen Hume-Rezeptionen wie sie z.B. bei Lossius und Ulrich, Mach und Wahle zu finden sind.  Humes Aussagen z.B. ueber ‚Kausalitaet‘ wurden als neue Kausalitaetstheorie aufgefasst (vgl. Paul Richter (1923): David Humes Kausalitaetstheorie. Bibliobazar 2009; Robert Gray A Refutation of Hume’s Theory of Causality. Hume Studies Volume 2, Number 2 (November, 1976), 76-85. Astrid von der Luehe (1993): David Humes aesthetische Kritik. Hamburg 1996, S. 26   ; ) . Humes Beschreibung des Sachverhaltes (‚beschreiben‘ dessen, was ‚ich sehe und berühre‘ unterscheidet sich m. E. von ‚theoretisieren‘!), dass Kausalitaet eine gewohnheitsmaeszige Annahme im Hinblick auf eine Reihe aehnlicher Ereignisse sei, geriet dabei aus dem Blick – ebenso die moeglichen Folgen dieser Annahme fuer wissenschaftliches und alltaegliches ‚handeln‘. Man beschaeftigte sich – statt mit einer interpretatorischen Einordnung seiner Auffassung von Kausalitaet in seine umfassenden Gedankengaenge – damit, den von Hume beschriebenen Sachverhalt von ‚Ursache‘ und ‚Folge‘  im metaphysischen Sinne als ‚Ursache-Wirkungs-Zusammenhang‘ zu diskutieren, zu kritisieren und zu widerlegen. Aus physistisch gepraegter Sicht war man wieder in der traditionellen Metaphysik und der Erkenntnistheorie gelandet. Davon hatte Hume sich schon vor Erscheinen der ABHANDLUNG (vgl. Brief an einen Arzt) abgesetzt. Seine ‚metaphysical reasonings‘ – die er fuer seine ‚principles‘ brauchte – haben den Charakter von ‚Ueberlegungen‘ und sie beziehen sich ausdruecklich auf seine Beobachtungen, nicht auf Theorien und vermutlich auch nicht auf einen ‚Raum des Bewusstseins‘: Jahrelang hat – was in diesem Zusammenhang auch interessant sein koennte – eine Reihe von international taetigen Forschern sich u. a. darueber den Kopf zerbrochen, ob Hume moeglicherweise seine Aussagen im TREATISE spaeter widerrufen habe. Der konkrete Anlass dafuer war eine einzige Textstelle (‚Announcement‘ zur „Untersuchung ueber den menschlichen Verstand“), die entgegen dem Kontext missinterpretiert wurde. William Edward Morris (Stanford Enzyclopedia of Philosophy) u.a. waren hier inzwischen aufklaerend taetig. Es koennte aber sein, dass einmal erfolgte metaphysisch geprägte Interpretationen Humescher Texte fuer die Interpreten nicht rational korrigierbar sind.

Dass Hume im besten Sinne als Skeptiker, naemlich vom ‚hinsehen‘ ausgehend philosophierte, wurde und wird z. B. unter der Behauptung begraben, er sei ein „titanenhafter Zerstoerer“ gewesen. Sofern darin die Betroffenheit von Metaphysikern bei der Lektuere Humes zum Ausdruck kommt, ist diese Behauptung fuer mich nachvollziehbar. Im wissenschaftlichen Bereich hat diese weitreichende Folgen, deren Preis hoch ist. Unzutreffende Sichten koennen unbeirrt weiter vermittelt werden. In der Folge verhindern solche Bewertungen interpretatorische und wissenschaftliche Weiterentwicklung. Auch Weltbilder koennen gesellschaftsweit so nicht veraendert werden, da bestimmte Aspekte gar nicht bemerkt werden duerfen und daher im professionellen und gesellschaftlichen Diskurs nicht auftauchen. Die interpretatorische Sicht, Hume habe statt Philosophie Psychologie betrieben, duerfte ein Beispiel fuer die Art von folgenreichem Irrtümern sein koennen, die von der Mehrheit der Fachleute seit Jahrhunderten einmuetig vertreten wird.

Beruehmte Philosophen haben Missverstaendnisse verbreitet. Humes „experimentelle Empirie“ leistete laut Bertrand Russell (1872-1970) und Karl Popper (1902-1994) einem „zerstoererischen Irrationalismus Vorschub“ (Wiesing ebd. S. 412.).  Dies   koennten die unbemerkt gebliebenen Folgen einer irrtuemlichen Auffassung der Bezeichnungen „Skeptizismus“ und „Skepsis“ sein. Der entscheidende Irrtum koennte darin bestehen, eine bestimmte selbstverstaendliche Auffassung ueber die Philosophie des Pyrrhon (365–360 v. Chr. bis ungefaehr 275–270 v. Chr.)  bzw. ueber die pyrrhonische Skepsis, Hume zu unterstellen, bzw. davon auszugehen, dass er Pyrrhoneer gewesen sei. Die phyrronische Skepsis stand und steht seit Jahrhunderten in dem Ruf, in die Sackgasse der voelligen Ungewissheit und Urteilsunfaehigkeit zu fuehren. (vgl.Jens Kuhlenkampf. David Hume: Eine Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Berlin 1997,S. 248ff. )

Hume selber hielt es fuer ausgeschlossen und duerfte es so fuer sich ebenfalls ausgeschlossen haben, dass es – so wie man Skeptiker charakterisierte – je einen solchen Menschen gegeben hat oder gibt, „… der weder eine eigene Meinung, noch eigene Grundsaetze hat, noch je ueber Handeln Theorien zu bilden in der Lage sei.“ (Untersuchung ueber den menschlichen Verstand XII,2.) Die Skepsis des ‚hinsehen‘ auf die Sache hielt Hume dagegen fuer unverzichtbar: „Eine an der Sache sich bemessende Skepsis scheint mir sehr plausibel, denn sie sorgt fuer die Unvoreingenommenheit meiner Urteilsfaehigkeit und entzieht mir alle jene Vorurteile, die ich durch Erziehung oder voreiliges Meinen uebernommen habe. Ich beginne mit klaren und sich aus der Sache ergebenden Grundannahmen, gehe behutsam und jeden Schritt sichernd weiter, ueberdenke immer wieder meine Schlussfolgerungen und pruefe die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen sehr genau. … ich halte dies fuer die einzige Methode, durch die ich hoffen kann, Zutreffendes herauszufinden und einigermaszen dauerhafte und gut begruendete Aussagen machen zu koennen.“ (ebd. XII,4)

Menschenwissenschaft II

Es ist … unmoeglich, vorherzusagen, welche Entwicklungen und Verbesserungen in den Wissenschaften moeglich waeren, waere durchweg bekannt, in welchem Maße und wie sich Menschen beobachtbare und erforschbare Ereignisse begreifbar machen, d.h. gemaeß welcher Gesetzmaeßigkeiten ‘human understanding’ zu stande kommt.(Abhandlung, Einleitung 4).

Es duerfte Menschen geben, die sagen: Aber das sind doch selbstverstaendliche Sachverhalte, die jeder kennt und sich abwenden. Es duerfte allgemein zu wenig bekannt sein, wie es in den Wissenschaften zugeht. Nachrichten darueber, dass Wissenschaftler betruegen, indem sie die von ihnen gewuenschten Ergebnisse selber produzieren, ohne die Realitaet zu befragen, halten sie fuer Ausnahmen, was zutreffend sein duerfte. Im Allgemeinen behalten sie ihr Vertrauen in wissenschaftliche Aussagen, ohne sich durch Wissenschaftsskandale zum Nachdenken anregen zu lassen. Moeglicherweise entspricht dies einem weit verbreiteten Sicherheitsbeduerfnis, Selbstverstaendliches behalten zu wollen. Selbstverstaendliches wurde hart erworben. Menschen werden von klein auf dazu angehalten, die Dinge so zu sehen, wie andere sie sehen, wie die Mehrheit sie sieht, anstatt dazu angehalten zu werden, ihren eigenen Augen zu trauen und die Schluesse, die sie daraus ziehen, zur Grundlage eigenen Handelns zu machen. Hume gehoerte zu diesen Menschen und Philosophen, die nur das für zutreffend akzeptieren, was sie selber beobachtet und reflektiert haben. Er verkoerperte ‚Aufklaerung‘ (Enlightment) in einer Art und Weise, wie sie Kant später nicht erreichte. Kants Aufruf, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, galt nur innerhalb von tradierten Sichtweisen und Werten für Denken und Handeln.  Humes Ansatz transzendiert, indem er dem Hinsehen den Vorzug vor Theorien gibt.

Menschen erlaeutern zu wollen, was es fuer die Wissenschaften heute fuer Folgen haben kann, wenn individuelle Moeglichkeiten, Faehigkeiten und Sichtweisen, außerdem allgemein menschliche Prinzipien des Wahrnehmens und Auswertens ihre Ergebnisse bestimmen, ist schwierig. In der Regel wird gesagt, wenn dieses Thema beruehrt wird: „Ja, wir wissen alle, dass unser Wissen subjektiv ist!“ oder so aehnlich. Dann gehen Menschen zur Tagesordnung ueber und behandeln wissenschaftliche Ergebnisse und das Wissen der Wissensgesellschaft so, als haetten sie Objektives vor sich. Damit folgen Laien und Wissenschaftler dem kulturellen Selbstverstaendnis, u. a. darueber was ‚richtig‘ und ‚falsch‘ ist, das sie von Kindesbeinen an uebernommen haben. Dieser Sachverhalt verbindet Wissenschaftler und Laien und duerfte vertrauensbildend wirken. Darin besteht im Wesentlichen die Schwierigkeit des Erlaeuterns.

Eine weitere Schwierigkeit liegt in der ‚immensen Erlaeuterungsbeduerftigkeit‘ der MENSCHENWISSENSCHAFT. Dies wird am Umfang der ABHANDLUNG UEBER DIE MENSCHLICHE NATUR deutlich und zeigt sich in allen seinen weitschweifigen Erlaeuterungen. Damit nahm Hume 1739 in Kauf, dass andere schon deshalb keinen Blick in seine Abhandlung werfen wuerden. Aus seiner Sicht waren langwierige Erlaeuterungen in der Sache unumgehbar. Erst als seine ABHANDLUNG keine Resonanz fand, entschloss er sich den ersten Band seiner ABHANDLUNG verkuerzt unter dem Titel EINE UNTERSUCHUNG UEBER DEN MENSCHLICHEN VERSTAND herauszugeben. Diese Veroeffentlichung duerfte die unter deutschsprachigen Philosophen am besten bekannte Schrift Humes im 18. Jahrhundert gewesen sein. Heute liegen deutsche Uebersetzungen der meisten seiner Schriften vor. Doch die Hume-Forschung steckt in den Kinderschuhen.

„Seine Philosophie …, so Nobelpreistraeger Bertrand Russell, … fuehre in eine Sackgasse: ‚In der von ihm eingeschlagenen Richtung kommt man keinen Schritt weiter.'“ (Berliner Zeitung)
Das Unternehmen ‚revisiting Hume‘, das in diesem Blog vorgestellt wird, moechte dieses vernichtende Urteil Russells abschuetteln helfen, das die philosophische Zunft mehrheitlich teilt.

Humes MENSCHENWISSENSCHAFTEN gehen vom Beobachten aus. Seine Ueberlegungen (‚reasonings‘), seine Prinzipien und Regeln der menschlichen Natur sind durch Hinsehen auf alltaegliches Verhalten von Menschen gewonnen. Er betrachtete seine Ergebnisse nicht als der ‚Weisheit letzter Schluss‘. Was ihn deutlich und positiv von vielen Philosophen unterscheidet. Er handelt nicht mit „Letztbegruendungen“. Denn damit vermeide ich klugerweise jenen Irrtum, den so viele begehen, wenn sie ihre Spekulationen und Behauptungen ueber die Welt als deren mit Sicherheit einzig richtigen Prinzipien hinstellen.“ (Abhandlung, Einleitung 9)

Letzte Sicherheit duerfte es fuer den Menschen nicht geben. Wohl aber Prinzipien – so wie Hume sie fand – , die Anleitung geben koennen. Im Uebrigen scheint seine Philosophie ein Angebot zum Gespraech mit anderen sein, die aehnlich wie er von ‚in der Sache begruendeten Behauptungen‘ ausgehen, die sich fuer sie durch ‚hinsehen‘ auf die Sachen ergeben haben.

„Da ich diese Forschungen umsichtig gesammelt und eingehend verglichen haben, gehe ich davon aus, dass ich darauf eine Wissenschaft gruenden kann, die sich zwar nicht durch Gewissheit auszeichnet, wohl aber nuetzlicher als alles andere sein duerfte, was Menschen sich aneignen koennen.“ (Abhandlung, Einleitung 10)   

 

Resuemee: sympathy = sympathizing




’sympathizing‘ als Grundprinzip interindividueller Kontakte

Menschen teilen im Kontakt das miteinander, was sie sensorieren, schrieb Hume einleitend. Dieses Verhalten bezeichnete er als ’sympathizing‘. Etwas von ’sympathize‘ duerfte noch im gegenwaertigen Wortgebrauch von ‚Sympathisanten‘ bzw. ‚mit anderen sympathisieren‘ anklingen, wenn auch mit der Mitbedeutung ‚parteiisch‘. Hume scheint damit aber – unabhaengig von Zustimmung oder Ablehnung – ein Grundprinzip menschlichen Kontaktverhaltens zu bezeichnen. ’sympathize‘ zeige sich darin, dass Menschen Einstellungen und Empfindungen anderer erst einmal offen und positiv aufnehmen, auch wenn sie von den eigenen abweichen. Besonders deutlich ließe sich dies an Kindern beobachten, meinte Hume. Menschen neigten außerdem dazu, ihre Einstellungen und Empfindungen mit anderen Menschen abzustimmen. Dies koennte die Ursache dafuer sein, dass Menschen einer Nation ein uniformes Verhalten auspraegen. In einem Brief an einen Freund lassen sich einige Gedanken des 23jaehrigen Hume ueber den Unterschied zwischen Franzosen und Englaendern nachlesen, die dies illustrieren koennen (siehe ‚Politeness‘). Menschen erleben ferner im Kontakt mit anderen eine groeßere Empfindungsvielfalt als wenn sie alleine sind und werden im Kontakt mit anderen von deren Empfindungen angesteckt.

’sympathizing‘ heißt: Anzeichen von Empfindungen anderer rufen eigene Empfindungen hervor

Wie ist derartiges moeglich? fragte sich Hume, der sich davon nuetzliche Antworten fuer seine anthropologischen Forschungen versprach. Er fand eine Antwort, die viele von uns ueberraschen duerfte. Er meinte, dass jeder Einzelne anlaesslich der Wirkungen, die Empfindungen in Gesten, Mimik und Sprache hervorrufen – also die Anzeichen dieser Empfindungen -, im Kontakt mit anderen sensoriert. Dieses ’sensorieren‘ rufe blasse Vorstellungen beim Einzelnen hervor, anlaesslich derer Menschen Vermutungen darueber entwickeln, wie der andere im Moment empfindet. Die Staerke dieser Vorstellungen nehme derart zu, so dass wir schließlich den Eindruck haben, dasselbe zu empfinden wie unser Gegenueber. ‚Zeichen anderer bewirken, dass wir uns an Eigenes erinnern.‘ erlaeuterte Augustin Thagaste in seinem Dialog „ueber den Lehrer“.

sympathy‘ unterscheidet sich von Empathie

Heutzutage – und es spricht einiges dafuer, dass dies auch schon zu Humes Zeiten so gewesen sein koennte – ist allgemein die Vorstellung vorherrschend, wir koennten uns in andere einfuehlen, i.S. von ‚hineinversetzen‘. Es gibt dafuer die Bezeichnung ‚Empathie‘. Empathie wird oft sogar als Faehigkeit aufgefasst, die die einen haben und die anderen nicht, bzw. graduell unterschiedlich sei. Hume scheint dagegen festzustellen: Es sind nichts weiter als unsere eigenen Empfindungen, die wir ’sympathizing‘ sensorieren. Er schloss dies daraus, dass die Vorstellung von uns selber nur das umfasse, was zu uns selber gehoert. Das was zu einem anderen Menschen gehoere, liege jenseits dieser Vorstellung. Anlaesslich dieser Sachverhalte duerfe man annehmen, dass es fuer Menschen unmoeglich sei,  Empfindungen anderer zu empfinden. ‚Der Mensch begegnet ueberall nur sich selber.‘, aeußerte der Physiker Werner Heisenberg. ‚Fuer mich sind die Dinge so, wie ich sie empfinde und fuer dich so, wie du sie empfindest.‘ koennte Protagoras in abgewandelter Form des zweiten Teiles seines beruehmten ‚homo-mensura-Satzes‘ gesagt haben.

Rahmenbedingungen von ’sympathy‘

Dieses ’sympathizing‘ werde dadurch beguenstigt, dass Menschen physiologisch aehnlich funktionieren duerften. Ferner sei der unmittelbare Kontakt, seien enge Beziehungen, gemeinsame Gewohnheiten und gemeinsame Erziehung Bedingungen, die ’sympathizing‘ in einem hohen Maße ermoeglichten.

Ich folgere: Menschliche Empfindungen, deren Anzeichen wir außerhalb dieser guenstigen Bedingungen sensorieren, duerften uns daher mehr oder weniger fremd bleiben, da es uns nur in geringem Maße gelingt, zu Gesten, Mimik und Sprache anderer Nationen und Kulturen adaequate eigene Empfindungen zu erzeugen. Sich ueber diese Unterschiede Klarheit zu verschaffen und jenseits davon sich auf Gemeinsames zu einigen, duerfte dann vermutlich nuetzlich sein.

revisiting: sympathy 2


Wie ist sympathisieren moeglich?

Seine Antwort gibt Hume – wie dies bei ihm durchgaengig der Fall ist – als Resuemee seines eigenen ‚hinsehen‘ (observing). Ein Humesches Resuemee hat – so ein Resuemee meiner Transpositionsarbeiten – stets den Charakter von versuchsweisen Schlussfolgerungen, die Hume bereit ist jederzeit zu revidieren. Im Untertitel seiner ‚Abhandlung über die menschliche Natur‘ wird dieser Charakter von Hume als „experimental Method of reasoning“ bezeichnet. Dieser Terminus wird von anderen mit ’naturwissenschaftlicher Methode‘ oder ‚Methode der Erfahrung‘ transponiert. Damit kommt m.E. das vorsichtige Finden und das Humesche Bewerten eigener Resuemees als Annahmen überhaupt nicht in den Blick.

Sympathie im Sprachgebrauch zu Hume’s Zeiten

Zu Humes Zeiten war mit ‚Sympathie‘ im oeffentlichen Sprachgebrauch noch ein Teil der vielfaeltigen griechisch-lateinischen Mitbedeutungen lebendig, die sich auf Physiologisches bezogen. z.B. stand Sympathie fuer ‚mitempfinden, gleiche empfindung, teilhaben an einer beschaffenheit, natuerliche uebereinstimmung von dingen, natuerlicher zusammenhang, wechselbeziehung‘. Gelaeufig war auch noch der eingeschraenktere physiologisch-medizinische Sprachgebrauch, der mit ‚Sympathie‘ den Zusammenhang des erkrankten Organs mit Symptomen an anderen noch intakten Organen beschrieb. Zunehmend aber entstanden im Laufe des 17./18. Jahrhunderts ausgepraegte, metaphorisierte Bedeutungszweige, die mit Sympathie vor allem seelische Beziehungen zwischen Menschen beschrieben. (vgl. ‚Sympathie‘ im DWB) Heute wird unter Sympathie fast ausschlieszlich “Zuneigung, bzw. eine positive gefuehlsmaeszige Einstellung zu jemand anderem” (Duden: Bedeutungswoerterbuch) verstanden.

Sympathie als (neuro)physiologisches Aktivitätsprinzip

Hume bezeichnet mit ’sympathy‘ aus meiner Sicht ein (neuro-)physiologisches Prinzip, das der jeweilige Mensch autonom jeweils situativ unterschiedlich auspraegt – und zwar abhängig vom individuellen Erleben und der als Erfahrung bezeichneten Auswertung des Erlebten. Beides entspricht nach Auskunft der Neurowissenschaften neurophysiologischen Aktivitaetsmustern.

Transposition

Abhandlung über die menschliche Natur, 2.1.11.3

Wenn mein ICH durch Sympathisieren mit Gefuehlen anderer angesteckt wird, sensoriert es zuerst deren Wirkungen. Als Wirkungen bezeichne ich alle sensorierbaren Anzeichen in Koerperhaltung, Mimik, Gestik und in sprachlichen Aeuszerungen von Meinungen und Beobachtungen. Mein ICH sensoriert diese Anzeichen, und so wird ihm eine ‚idea‘ (eine erste eigene schwache Vorstellung) von den Gefuehlen des anderen ermoeglicht. Diese ‚idea‘ wird fuer mein ICH im Handumdrehen staerker und heftiger sensorierbar und verwandelt sich in eine ‚impression‘ (eine sehr starke, lebhafte Vorstellung). Diese erreicht einen entsprechenden Grad von Kraft und Lebendigkeit und ruft in mir genauso eine Emotion hervor, wie jede andere eigene Empfindung.

Orginal

Treatise of Human Nature, 2.1.11.3

When any affection is infus’d by sympathy, it is at first known only by its effects, and by those external signs in the countenance and conversation, which convey an idea of it. This idea is presently converted into an impression, and acquires such a degree of force and vivacity, as to become the very passion itself, and produce an equal emotion, as any original affection.

Kausalitaet I

Hume ueber Kausalitaet: ENQUIRY, IV, 8 ff.

Die Erinnerung an Erlebnisse bestätigt, dass Erfahrung nötig ist.

Wenn man sagt, dass die Ursachen und Wirkungen nicht durch Nachdenken, sondern nur durch Erfahrung festgestellt werden koennen, dann stimmen die Leute stets gerne zu fuer alle die Faelle, an die sie sich erinnern, wo ihnen dieser Zusammenhang vorher nicht bekannt war. … Man gebe einem Menschen, der keine Ahnung von Physik hat, zwei geglaettete Marmorplatten, die aufeinander liegen, fest miteinander zusammenhaengen und fordere ihn auf, sie voneinander zu loesen. Erst wenn er erfahren hat, dass die beiden Platten sich durch seitliches Verschieben mit weniger Kraft voneinander trennen lassen, als wenn er sie durch senkrechtes Abheben voneinander trennen moechte, wird er zwischen Bewegungsrichtung und Kraftaufwand einen Zusammenhang vermuten koennen. Bei solchen Ereignissen, die man nicht aus alltaeglichen Erlebnissen mit der Natur kennt, stimmen Menschen gern zu, dass man das nur durch Erfahrung wissen kann. Auch wird niemand behaupten, dass er die Explosionskraft eines entzuendeten Pulvers oder die Anziehungskraft eines Magneten a priori, also ohne Erfahrung nur durch Nachdenken entdecken koenne.

Ebenso wenig duerfte jemand bestreiten, dass man nur durch Erfahrung die Wirkungen einer komplizierten Maschine und das Funktionieren ihrer Teile kennen kann. Oder will moeglicherweise jemand behaupten, er wisse ohne Erfahrung, ob Milch und Brot – die fuer den Menschen taugen – ein passendes Nahrungsmittel fuer einen Baeren oder einen Tiger sein koennen?

Unsere Erfahrung veranlasst uns davon auszugehen, dass es beobachtbare Zusammenhaenge gaebe.

Diese Gewissheit aber, dass wir ohne Erfahrung keine Zusammenhaenge kennen koennen, verlaesst uns Menschen, wenn wir ueber Ereignisse reden, die wir schon von klein auf kennen, oder die natuerlichen Ereignissen aehneln oder die vermeintlich von einfachen Eigenschaften der Dinge abhaengen und nicht von irgendwelchen verborgenen Mechanismen. Da meint man nun ploetzlich, dass man den Zusammenhang durch blosses Nachdenken und ohne jede Erfahrung entdecken kann. Man tut dann so, als ob man – ploetzlich in die Welt gestellt – schon vorher wisse, dass eine Billardkugel der anderen durch Stossen seine Bewegung weitergeben koenne. Da meinen Menschen, dass man keine Erfahrung brauche, um diesen Zusammenhang schon vorhersagen zu koennen. Daraus kann man schliessen, wie stark die Macht der Gewohnheit ist. Da wo sie am staerksten ist, verbirgt sie nicht nur unsere ganz natuerliche Unkenntnis, sondern sie verbirgt auch sich selbst. …

Naturgesetze und Bewegungen sind Produkte unserer Erfahrung.

Moeglicherweise koennen die folgenden Beschreibungen ausreichen, zu erlaeutern, dass alle Naturgesetze und alle Bewegungen der Koerper ausnahmslos nur durch Erfahrung kennen gelernt werden. Wird uns zum Beispiel ein unbekannter Gegenstand gebracht, und wir sollen angeben, welche Wirkung von ihm ausgehen wird, ohne fruehere Erfahrungen zu Rate zu ziehen, so ist doch die Frage, wie soll ein Mensch dabei vorgehen, um zu einer zutreffenden Aussage zu kommen. Nun er muss sich eine moegliche Wirkung ausdenken oder sie erfinden. Klar ist dabei, dass eine derartige Aussage ganz willkuerlich sein duerfte. Menschen koennen in diesem Fall keine Wirkung am unbekannten Gegenstand entdecken, auch wenn sie ihn ganz genau untersuchen und pruefen.

Ohne Erfahrung – apriori – koennen Menschen sich keine Vorstellungen von zukünftigen Ereignissen machen.

Das duerfte daran liegen, dass Ursache und Wirkung voellig verschieden voneinander sind. Die Bewegung der zweiten Billardkugel ist ein ganz anderes Ereignis als die Bewegung der ersten. Die Bewegung der ersten Kugel enthaelt keinerlei Hinweis auf die Bewegung der zweiten. Ein Stein oder ein Metallklumpen faellt sofort, wenn ich ihn loslasse. Betrachte ich ihn aber bevor ich diese Erfahrung gemacht habe, also a priori, hat da schon jemals jemand etwas an ihm entdeckt, dass Menschen veranlassen koennte, sich eine Vorstellung davon zu machen, dass er nach unten fallen duerfte, anstatt nach oben oder zur Seite?

Der Zusammenhang  zwischen zwei Ereignissen wird apriorisch beliebig  gesetzt.

So willkuerlich, wie jede Idee oder Erfindung einer bestimmten Wirkung eines singulaeren oder erstmaligen Naturereignisses ohne Erfahrung ist, so willkuerlich scheint mir auch das behauptete Band oder die Verbindung zwischen Ursache und Wirkung, welche es angeblich moeglich machen soll, vorauszusagen, dass nur eine ganz bestimmte Wirkung von einer Ursache ausgehen kann. Wenn ich z.B. sehe, wie eine Billardkugel auf eine andere zurollt, kann ich mir zwar vorstellen, dass die andere sich gleich bewegen wird und dass diese Bewegung eine Folge dessen ist, dass die erste sie beruehrt bzw. sie anstoesst. Aber kann ich mir nicht genauso gut 100 andere Wirkungen vorstellen? Moeglicherweise, dass die Kugeln still liegen bleiben? Oder das die erste nach dem Stoss zurueckrollt oder in irgendeine andere Richtung wegspringt? Alle diese Annahmen sind moeglich und denkbar. Wie soll ich mich im Vorwege entscheiden? Welche von den vielen Moeglichkeiten duerfte eintreten? Alle Gruende, die ich mir denke, geben mir a priori keinen Anhaltspunkt fuer meine Entscheidung.

Kurz gesagt: die Wirkung ist von ihrer Ursache verschieden, deshalb kann ich die Wirkung nicht in der Ursache finden. D.h. jede Idee und jede Erfindung einer moeglichen Wirkung duerfte voellig willkuerlich bleiben. Und selbst dann, wenn ich die Wirkung einer bestimmten Ursache kenne, bleibt die Verbindung mit der Ursache genauso willkuerlich, weil es denkbar und vorstellbar ist, dass es viele andere Wirkungen gibt. Meint man also, dass man ein Ereignis ohne Hinsehen und Erfahrung im Voraus bestimmen oder Ursache und Wirkung schlussfolgern koenne, so entbehrt dies jeder Grundlage.

Menschen können schlussfolgern,  Ereignismuster bilden, aber keine Letztbegründungen finden.

Diese Sachverhalte verwehren es einem nachdenklichen Philosophen, dem die Grenzen seines Denkens bekannt sind, zu behaupten, er koenne die letzte Ursache irgendeines Naturereignisses bezeichnen oder die exakte Wirkung demonstrieren, die infolge der Ursache geschieht, die jedes Ereignis im Universum herstellt. Die hoechste Leistung, die wir denkend dabei erbringen koennen, ist durch Schlussfolgerungen aus Analogie, Erfahrung und Hinsehen die Menge der Ereignismuster, die wir an den Naturphaenomenen feststellen, auf einige einfache zu reduzieren und die vielen einzelnen Wirkungen auf einige wenige allgemeine Ursachen zu beziehen. Die Ursachen dieser allgemeinen Ursachen entdecken zu wollen, scheint mir ein vergebliches Unterfangen, ausserdem duerften wir wohl kaum Erklaerungen finden, die uns wirklich zufrieden stellen duerften. Diese letzten Anfaenge und Prinzipien duerften unserem Forscherdrang und unseren Forschungen nicht zugaenglich sein.

Humes menschliche Dimensionen der Epistemik I


Hume, Descartes und RRRR

Immer wieder kann man bei der Lektuere Humes von ‚Grenzen‘ lesen.
‘Ich habe die Grenzen und die Schwachstellen menschlichen Denkens ausreichend einzuschaetzen gelernt’ ,meinte Hume (vgl. Enquiry concerning Human Understanding, VII, 24.)

‚Ausreichend‘ koennte ein Indiz dafuer sein, dass Grenzen menschlichen Denkens nicht leicht zu akzeptieren sind. Schon ein Blick in die neuzeitliche Geschichte auf Descartes kann belegen, – was auch Hume erwaehnte – dass Philosophen dazu neigen, davon auszugehen, dem menschlichen Denken seien keine Grenzen gesetzt.

Descartes stellte fest – nachdem er erst einmal alles in Zweifel gezogen hatte,

dass mit klaren und eindeutig bestimmbaren Ideen, alles, was von wissenschaftlichem Interesse ist, in den Griff zu bringen sei. Diese Ideen seien durch die Gewissheit des eigenen Geistes und der Vollkommenheit Gottes angemessene Instrumente fuer die Objektivitaet unseres Wissens.

Denn da sich nun ergeben hat, dass selbst Gegenstaende und Ereignisse nicht wirklich von den Sinnen oder von dem Vorstellen, sondern ausschliesslich vom Verstande erkannt werden, und dass diese Erkenntnis nicht auf dem Fuehlen oder Sehen derselben beruht, sondern darauf, dass der Verstand sie auffasst, so erkenne ich klar, dass nichts leichter und sicherer von mir erkannt werden kann als mein Geist.“

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Descartes,+René/Untersuchungen+ueber+die+Grundlagen+der+Philosophie/2.+Ueber+die+Natur+der+menschlichen+Seele,+und+dass+sie+uns+bekannter+ist+als+ihr+Koerper René Descartes‘ philosophische Werke. Abteilung 2, Berlin 1870, S. 39.

Rationale Menschen denken rational.

‚Ratio‘ ist eigentlich das Ergebnis einer Berechnung. Philosophisch haben professionelle Denker diese Rechnerei als ‚Vernunft‘ gekuert. In dem Wort „rationieren“, im Sinne von da wird etwas eingeteilt, weil dieses Etwas eventuell knapp bemessen ist, kommt ein weiterer Aspekt zum Ausdruck. Augustin Thagaste hat diese Rechnerei zur Grundfunktion des Geistes gemacht, die ihn – wie einst Prometheus an die kaukasischen Felsen geschmiedet – zum vernuenftig denken bestimme, wenn er denn nur moechte und hat dies fuer den sichersten Weg zu Gott gehalten. Descartes denkt aehnlich. Er moechte denkend die ganze Welt fassen, und schafft sich einen Gott der ihm gleich ist, nur eben voellig vollkommen. Und damit die relative Vollkommenheit des Denkens in Einklang mit der Vollkommenheit des Denkens Gottes ist, wird die Funktion der Physis als voellig unwichtig abgetan. Mittelalterliche Askese assoziiere ich und die Anekdote, dass Papst Benediktus der Deutsche als junger Professor in Tuebingen zu einer Studentin gesagt haben soll: ‚Ach wissen Sie, wir Kleriker sind ja vom Hals abwaerts empfindungslos.‘

„Da ich nun ein denkendes Ding bin, das eine Vorstellung von Gott hat, so muss auch von meiner Ursache, welche sie auch sei, gelten, dass sie ein denkendes Ding ist, und dass sie eine Vorstellung von allen Vollkommenheiten hat, die ich Gott zuerkenne, und man kann von dieser Ursache wieder fragen, ob sie von sich oder einem Anderen herruehrt. Wenn sie vollkommen ist, so erhellt aus dem Obigen, dass sie Gott selbst ist, denn hat sie die Kraft, durch sich zu | sein, so hat sie unzweifelhaft auch die Kraft, in Wirklichkeit alle Vollkommenheiten zu besitzen, deren Vorstellung sie in sich hat, d.h. alle die, welche ich als in Gott enthalten vorstelle.

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Descartes,+René/Untersuchungen+ueber+die+Grundlagen+der+Philosophie/3.+Ueber+Gott,+und+dass+er+ist
Rene Descartes: Philosophische Untersuchungen I 03. Ueber Gott, und dass er istRené Descartes‘ philosophische Werke. Abteilung 2, Berlin 1870, S. 66|7.

So rechnete Descartes sich Gott aus:

Ich bin ein denkend Ding – also ist Gott ein denkend Ding.
Ich kann mir Gott nur vollkommen denken – also ist Gott vollkommen und zwar so vollkommen, vollkommener geht es gar nicht, ergo gibt es nach Gott nichts mehr! Alles, was ich mir denke, ist auch in Gott enthalten.

Eine Milchmaedchenrechnung ist das in meinen Augen. Sie verraet allzu leicht die Absicht ihres Urhebers und bei mir verstimmt sich da was, so als haette ein kalter Luftzug meinen Nacken beruehrt, sodass ich mich spontan umdrehe, um zu sehen was da sein koennte.

Pluralog

Doch der Schrecken kommt aus meinen Eingeweiden, die erschrecken darueber, dass nur noch der Kopf und sie nichts mehr mit meinem Leben zu tun haben koennten. Das geht doch gar nicht!, schreien einige 1000 Neuronen laut. Ohne Input kein Output, das weiss doch jeder spaetestens seit dieser inputversessene Roboter einen amerikanischen Pass bekommen hat.

Wie kommt es, dass Menschen nicht merken, was sie sich antun, wenn sie selbst glauben, sie seien ein „denkend Ding“.
Da ist nur Kant dran schuld, der hat doch die Vernunft zum Primaten gemachte, ruepelt meine Leber und laeuft gruen an.
Aber das kann doch fuer Descartes nicht zutreffen, der hat doch 300 Jahre frueher philosophiert, gibt mein vorderer Stirnlappen zu bedenken.
Dann eben die Kirche, meint mein rechtes Ohr.
Auch in der Kirche sind doch Menschen, faellt meinem linken Knie ein.
Mein Bauch sagt: Denkt doch an die RRRR-Erklaerung.
Das hast Dir doch gerade ausgedacht, piepst meine Zirbeldruese.
RRRR – rollt meine Nase vor sich hin. Ich glaube, ich kann’s schon riechen.
Die RolfReinholdRichardRorty Erklaerung.
Die beiden Typen kenn ich, schmatzt die Zunge.

Keinen Hut auf, aber davon reden

Nun komme ich und sage: Seid mal alle still, so kann ich doch nicht denken. Protestgeschrei wird laut: Wir denken doch alle mit. Ja, das mag schon sein, aber ihr seid zu laut. Wie soll ich da alles unter einen Hut kriegen. Die Haare wispern: Die hat gar keinen Hut auf. Alles Metaphorik, raunen meine Stimmbaender, die wir inszenieren.

RRRR

Also, was ist das nun mit der RRRR-Erklaerung? fragen die Fuesse, wir muessen das alles wieder ausbaden.
Die RRRR-Erklaerung ist ganz einfach: Alles, was Menschen tun, ist kontingent.
Oder wie Rolf Reinhold sagt: Niemand macht freiwillig Fehler.
Das kann man wenigstens kapieren, schnurrt meine Bauchspeicheldruese.
Ich mache auch immer nur das, was gerade dran ist. Und wenn die anderen nicht richtig funktionieren, bin ich auch dysfunktional.

Man koennte auch sagen, melde ich mich wieder, Menschen sehen ihre Grenzen nicht, weil sie Grenzen haben. Das sind aber zwei Arten von Grenzen. Die letzteren sind die kontingenten, die dadurch entstehen, dass jeder alles so machen moechte, wie die anderen es machen. Weil Menschen es moegen, wenn andere sie akzeptieren. Und die anderen sind Grenzen, die man entdeckt, wenn man die Dinge so macht, wie man sie selbst machen moechte.

Dass Du Grenzen hast, siehst Du? fragen die Amygdalaes.
Ich glaub schon.

‚impressions‘ sind Ursprung des Denkens, Vorstellens und der Ideen

Gleich im zweiten Abschnitt seiner Enquiry of Human Understanding ignorierte Hume jahrhundertealte strittige Fragen der metaphysischen Erkenntnistheorie und fand einen völlig anderen Ansatzpunkt über den Ursprung menschlichen Denkens, menschlicher Vorstellungen und Ideen zu sprechen.

Es ging um die Frage: Wie kommt es, dass Menschen Gedanken, Vorstellungen und Ideen haben?

“ Nichts erscheint auf den ersten Blick so schrankenlos, wie das menschliche Denken; es entzieht sich nicht allein jeder menschlichen Macht und Autorität, sondern überschreitet auch die Grenzen der Natur und der Wirklichkeit. Ungeheuer zu erschaffen und widersprüchliche Gestalten zu neuen Erscheinungen zusammenzusetzen, kostet die Einbildungskraft nicht mehr Mühe, als die Vorstellung des natürlichsten und bekanntesten Gegenstandes. Während der Körper auf einem Planeten beschränkt ist, auf dem er mühsam und schwerfällig herumkriecht, kann das Denken uns in einem Augenblick in die entferntesten Gegenden des Weltalls tragen; ja selbst darüber hinaus in das grenzenlose Chaos, wo die Natur in gänzlicher Verwirrung liegen soll. Was man nie gesehen oder gehört hat, kann man sich doch vorstellen; kein Ding ist der Macht der Gedanken entzogen, mit Ausnahme dessen, was einen unbedingten Widerspruch einschließt. Obgleich indes unsere Gedanken diese unbegrenzte Freiheit zu besitzen scheinen, zeigen sie sich doch bei näherer Untersuchung in Wahrheit in sehr enge Grenzen eingeschlossen. Ich behaupte, diese schöpferische Energie des Geistes verdanken wir lediglich unserem Talent das Material – das uns Sinne und Erfahrung liefern – neu zusammenzustellen, zu übertragen, zu erweitern oder zu beschränken. …alle unsere Gedanken, Vorstellungen oder Ideen sind Nachbilder unserer ‚impressions‘, d.h. lebhafteren Empfindungen.

Bisher hat sich für mich gezeigt, dass jeder noch so komplexe Gedanke bzw. jede noch so komplexe Vorstellung [bzw. Theorie], sich auf einfache Vorstellungen zurückführen lässt, die frühere ‚impressions‘ nachahmt. Selbst solche, die auf den ersten Blick aus anderer Quelle zu stammen scheinen  – wie unsere Vorstellung Gottes als eines unendlich klugen, weisen und guten Wesens – entstehen, indem wir unsere menschlichen Handlungsweisen reflektieren und die so gewonnenen Vorstellungen maßlos steigern und dann der Natur Gottes als das “Gute und Weise schlechthin” zuschreiben. Wir können unsere Nachforschungen in jede nur denkbare Richtung ausdehnen. Wir werden immer wieder feststellen können, dass jeder Gedanke, jede Idee, jede Vorstellung, [jede Theorie] die wir prüfen, vergleichbaren ‘impressions’ nachgebildet worden ist. Diejenigen, die behaupten möchten, dass diese Feststellung weder allgemein noch ausnahmslos gültig sein kann, haben bloß eine Möglichkeit sie zurückzuweisen: Sie sollten einen Gedanken, eine Vorstellung, eine Idee, [eine Theorie] produzieren, die ihrer Meinung nach einen anderen Ursprung hat.

Ein Mensch, der wegen eines organischen Defektes bestimmte ‚impressions‘ nicht wahrnehmen kann, kann sich keine entsprechende Vorstellung machen. Ein Blinder kann keine Vorstellung von Farben, ein Tauber keine von Tönen sich bilden. Wenn der organische Defekt behoben wird, so ist mit der Öffnung dieses neuen Kanals für seine Empfindungen auch ein Kanal für seine Vorstellungen eröffnet, und es ist ihm leicht, sich das Betreffende vorzustellen.

Ebenso verhält es sich, wenn wir von einem Gegenstand noch keine ‚impressions‘ hatten. Ein Lappländer oder Neger hat keinen Begriff vom Weingeschmack. … Ein sanftmütiger Mensch kann sich keine Vorstellung von unverbesserlicher Grausamkeit und Rache machen, und ein Egomane kann sich kaum die Freuden von Freundschaft und Großherzigkeit vorstellen. Menschen geben auch zu, dass andere Wesen Empfindungen von Dingen haben mögen, von denen wir keine Vorstellung haben, weil uns die entsprechenden ‚impressions‘ fehlen, durch die der Mensch allein Vorstellungen bekommen kann.“

DAVID HUME: ENQUIRY CONCERNING HUMAN UNDERSTANDING, Section II

Der Text der ENQUIRY CONCERNING HUMAN UNDERSTANDING in gut lesbarem Englisch PDF

Anmerkung zum Copyright: Dieser englische Text ist von seinem Autor Jonathan F. Bennett zur non-profit Veröffentlichung in jeder Art von Medium freigegeben. Er findet sich auch auf Bennett’s Website unter http://www.earlymoderntexts.com/f_hume.html

Kommentar Humes zum Erfolg der ENQUIRY: „…this piece was at first little more successful than the Treatise of Human Nature.“ (Hume: „My Life“)