Wirkliche Philosophie …

… bzw. ‚wahre‘ Philosophie zu treiben, war schon als Jugendlicher Hume’s Wunsch gewesen. Ich war „von fruehester Kindheit an, immer fasziniert … von Buechern und Wissenschaften.“, schrieb der 23jaehrige in einem Brief 1734. „Buecher ueber das Denken und die Philosophie, Dichtung und Literatur faszinierten mich [seit ich ungefaehr 15 Jahre alt war] gleichermaszen.“

Fuer Religion interessierte er sich im Hinblick auf die weit verbreitete Behauptung, es gaebe so etwas wie eine angeborene Disposition, dass ein hoeheres Wesen existiere. Dieser Behauptung widersprach er mit seinen philosophischen Forschungen entschieden. Lehren und Zeremonien der Kirchen beeinflussten das menschliche Empfinden fortlaufend – so Hume – und hielten so den religioesen Glauben lebendig. (Vgl. z. B. T. 1.3.8.4)

Doch auch in den Wissenschaften ist das glaeubige Vertrauen in Autoritaeten und die Wissensvermittlung vorherrschend. „Jemand, der mit Philosophie und Aesthetik vertraut ist, weiss, dass diese beiden Wissenschaften bisher nichts weiter erreicht haben, als endlose Dispute zu fuehren, auch wenn es um grundlegendste Themen geht. Waehrend ich die Lektueren eingehend pruefte, fuehlte ich einen unueberwindbaren heftigen Widerstand in mir wachsen, weiterhin irgendwelchen Autoritaeten auf diesem Gebiet zu folgen. Ich hielt Ausschau nach neuen Mitteln, mit dem ich zutreffende Ergebnisse wuerde finden koennen. Nach vielen Studien und Gedanken darueber schienen sich mir neue Sichten zu oeffnen – Ich war ungefaehr 18 Jahre alt -, die mich ueber alle ueblichen Standards hinausfuehrten.“ (Brief an einen Arzt: Burton: Life and correspondence of David Hume .)

Hume erlebte bald, dass seine „wirkliche Philosophie“ ihm anstelle des von ihm gewuenschten regen Gedankenaustausches nichts als Ablehnung einbrachte. „Ich habe mir die Feindschaft aller Metaphysiker, Logiker, Mathematiker und sogar der Theologen zugezogen. Ich habe sie angegriffen und in ihrer Ehre gekraenkt. Darf ich mich da wundern, dass ich leiden muss? Ich habe ihre Denkgebaeude in Frage gestellt: Wieso bin ich eigentlich ueberrascht, dass sie fuer mich und meine Person nichts als Ablehnung uebrig haben? „ (Treatise 1.4.7.2)

Was hatte ihn zu einem verfemten Auszenseiter gemacht? Es handelte sich um skeptische Sichten, die er fuer unerlaesslich hielt und die Weigerung, Autoritaeten zu folgen, die aus seiner Sicht fuer den unproduktiven Skeptizimus sorgten, den kirchliche Autoritaeten Philosophen wie ihm unterstellten. ‚Dabei tue ich nichts anderes, als die Dinge genau so zu betrachten, wie sie sich mir zeigen.‘ (Vgl. Treatise 1.4.7.3) Dieses protagoraeische Philosophieren, das durch christliche und metaphysische Sichten, von Theologen und Philosophen durch die Jahrhunderte als anthropologisch gefaehrlich verteufelt worden war, war der Anlass fuer den Misserfolg seiner fruehen Veroeffentlichungen und fuer die allgemeine Ablehnung seiner neuen Sichten.

Die Dinge so zu betrachten, wie sie sich zeigen, hiesz fuer Hume, so zu philosophieren, wie es dem Menschen entsprechend der Funktionsweise seines Gehirns und anderer Organe und dem daraus folgenden Tun moeglich ist. Er ging davon aus, dass alles, was Menschen kennen und ueber das sie mit einer wahrscheinlichen Gewissheit reden koennen, aus koerperlichen Ereignissen, vor allem aus Ereignissen in unseren Sinnesorganen herruehrt. Damit folgte er dem Kenntnisstand von Physiologen und Anatomen seiner Zeit. Davon ging auch sein Zeitgenosse Condillac aus.

Alle Aussagen, die sich nicht auf koerperliche Ereignisse, also ’sensations‘ zurueckfuehren lassen, sind nicht ‚wirklich‘ philosophisch. Im Menschen tauchen diese ’sensations‘ als ‚perceptions‘ auf. Letztere sind individuelle Vorstellungen und Empfindungen – die jeder, bei sich selber beobachten kann – von denen ausgehend, Menschen zu Kenntnissen kommen.

Es ist hier nahe liegend an Berkeley zu denken. Dessen Philosophieren hat fuer Hume in der Tat anregend gewirkt. Hume zitiert ihn wiederholt im ersten Band seines Treatise. Das gilt auch fuer Professoren an der Edinburger Universitaet, von denen sich einige regelmaeszig in der ersten Wissenschaftsgesellschaft Schottlands trafen und dort neue philosophische Sichten diskutierten. Hume war ebenfalls Teilnehmer in dieser Runde, die sich nach dem Gasthaus in dem sie tagten, RANKANIAN CLUB nannte. Ueber diesen Club soll Berkeley gesagt haben: „Niemand auszer diesen jungen Leuten in Nordbritannien, hat meine Art des Philosophierens besser verstanden.“ (vgl. William Christian Lehmann: Henry Home, Lord Kames, and the Scottish enlightenment. Berlin 1971, S.52. Google-Buch)

Der Mainstream von Hume’s philosophierenden Zeitgenossen ging davon aus, dass Philosophieren sich im Geist des Menschen abspielt, an dem ’sensations‘ nur marginal beteiligt sind. ‚perceptions‘, also Perzeptionen, bzw. Apperzeptionen wie Leibniz differenzierte, hatten eine geistigen Natur bzw. waren Produkte aus geistigen Aktivitaeten, und wurden moeglicherweise angeregt durch ’sensations‘. Hume liesz sich nicht darueber aus, ob die ‚perceptions‘ geistiger Natur sind: ihm genuegte es festzustellen, dass sie auftauchen und dass sie als Basis fuer Denken und Handeln fungieren. „Es genuegt mir, wenn ich anlaesslich von eigenen Beobachtungen sagen kann, wie meine Sinne affiziert werden und wie die ‚perceptions‘ miteinander verbunden werden. Das reicht aus, um ein (lebenswertes) Leben zu leben und das reicht auch fuer meine Philosophie. Ich moechte die ‚perceptions‘ lediglich beschreiben und – so weit wie möglich – ihre Ursachen erforschen.“ (T. 1.2.5.26)

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Irrtuemer 3


Hume’s unentdeckte Sachlichkeit

Die sehr weitreichenden Anregungen Humes fuer ‚handeln‘ Einzelner und fuer gemeinsames ‚handeln‘ von Gemeinschaften wurden in der Humeforschung bisher noch nicht bemerkt. In der Mitte des letzten Jahrhunderts – mit Gruendung der Hume Society – begann man Hume in einem internationalen Rahmen zu interpretieren. Humeforscher befassten sich seitdem mit Einzelfragen -„Stueckwerkinterpretationen“ (Streminger) – und Interpretationsproblemen, die m. E. die Sache Humes nur in Annaeherungsgraden erreichten. Mit der Entscheidung Hume ausgehend vom anatomischem Wissenstand seiner und dem neurobiologischen unserer Zeit zu interpretieren, glauben Rolf Reinhold und ich eine Basis gefunden zu haben, die Interpretationen moeglich machen koennte, die in der Sache treffender und fuer den Forschungsdiskurs anregender sein koennten. Bis jetzt machte man keinen Gebrauch von ähnlichen Hume-Rezeptionen wie sie z.B. bei Lossius und Ulrich, Mach und Wahle zu finden sind.  Humes Aussagen z.B. ueber ‚Kausalitaet‘ wurden als neue Kausalitaetstheorie aufgefasst (vgl. Paul Richter (1923): David Humes Kausalitaetstheorie. Bibliobazar 2009; Robert Gray A Refutation of Hume’s Theory of Causality. Hume Studies Volume 2, Number 2 (November, 1976), 76-85. Astrid von der Luehe (1993): David Humes aesthetische Kritik. Hamburg 1996, S. 26   ; ) . Humes Beschreibung des Sachverhaltes (‚beschreiben‘ dessen, was ‚ich sehe und berühre‘ unterscheidet sich m. E. von ‚theoretisieren‘!), dass Kausalitaet eine gewohnheitsmaeszige Annahme im Hinblick auf eine Reihe aehnlicher Ereignisse sei, geriet dabei aus dem Blick – ebenso die moeglichen Folgen dieser Annahme fuer wissenschaftliches und alltaegliches ‚handeln‘. Man beschaeftigte sich – statt mit einer interpretatorischen Einordnung seiner Auffassung von Kausalitaet in seine umfassenden Gedankengaenge – damit, den von Hume beschriebenen Sachverhalt von ‚Ursache‘ und ‚Folge‘  im metaphysischen Sinne als ‚Ursache-Wirkungs-Zusammenhang‘ zu diskutieren, zu kritisieren und zu widerlegen. Aus physistisch gepraegter Sicht war man wieder in der traditionellen Metaphysik und der Erkenntnistheorie gelandet. Davon hatte Hume sich schon vor Erscheinen der ABHANDLUNG (vgl. Brief an einen Arzt) abgesetzt. Seine ‚metaphysical reasonings‘ – die er fuer seine ‚principles‘ brauchte – haben den Charakter von ‚Ueberlegungen‘ und sie beziehen sich ausdruecklich auf seine Beobachtungen, nicht auf Theorien und vermutlich auch nicht auf einen ‚Raum des Bewusstseins‘: Jahrelang hat – was in diesem Zusammenhang auch interessant sein koennte – eine Reihe von international taetigen Forschern sich u. a. darueber den Kopf zerbrochen, ob Hume moeglicherweise seine Aussagen im TREATISE spaeter widerrufen habe. Der konkrete Anlass dafuer war eine einzige Textstelle (‚Announcement‘ zur „Untersuchung ueber den menschlichen Verstand“), die entgegen dem Kontext missinterpretiert wurde. William Edward Morris (Stanford Enzyclopedia of Philosophy) u.a. waren hier inzwischen aufklaerend taetig. Es koennte aber sein, dass einmal erfolgte metaphysisch geprägte Interpretationen Humescher Texte fuer die Interpreten nicht rational korrigierbar sind.

Dass Hume im besten Sinne als Skeptiker, naemlich vom ‚hinsehen‘ ausgehend philosophierte, wurde und wird z. B. unter der Behauptung begraben, er sei ein „titanenhafter Zerstoerer“ gewesen. Sofern darin die Betroffenheit von Metaphysikern bei der Lektuere Humes zum Ausdruck kommt, ist diese Behauptung fuer mich nachvollziehbar. Im wissenschaftlichen Bereich hat diese weitreichende Folgen, deren Preis hoch ist. Unzutreffende Sichten koennen unbeirrt weiter vermittelt werden. In der Folge verhindern solche Bewertungen interpretatorische und wissenschaftliche Weiterentwicklung. Auch Weltbilder koennen gesellschaftsweit so nicht veraendert werden, da bestimmte Aspekte gar nicht bemerkt werden duerfen und daher im professionellen und gesellschaftlichen Diskurs nicht auftauchen. Die interpretatorische Sicht, Hume habe statt Philosophie Psychologie betrieben, duerfte ein Beispiel fuer die Art von folgenreichem Irrtümern sein koennen, die von der Mehrheit der Fachleute seit Jahrhunderten einmuetig vertreten wird.

Beruehmte Philosophen haben Missverstaendnisse verbreitet. Humes „experimentelle Empirie“ leistete laut Bertrand Russell (1872-1970) und Karl Popper (1902-1994) einem „zerstoererischen Irrationalismus Vorschub“ (Wiesing ebd. S. 412.).  Dies   koennten die unbemerkt gebliebenen Folgen einer irrtuemlichen Auffassung der Bezeichnungen „Skeptizismus“ und „Skepsis“ sein. Der entscheidende Irrtum koennte darin bestehen, eine bestimmte selbstverstaendliche Auffassung ueber die Philosophie des Pyrrhon (365–360 v. Chr. bis ungefaehr 275–270 v. Chr.)  bzw. ueber die pyrrhonische Skepsis, Hume zu unterstellen, bzw. davon auszugehen, dass er Pyrrhoneer gewesen sei. Die phyrronische Skepsis stand und steht seit Jahrhunderten in dem Ruf, in die Sackgasse der voelligen Ungewissheit und Urteilsunfaehigkeit zu fuehren. (vgl.Jens Kuhlenkampf. David Hume: Eine Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Berlin 1997,S. 248ff. )

Hume selber hielt es fuer ausgeschlossen und duerfte es so fuer sich ebenfalls ausgeschlossen haben, dass es – so wie man Skeptiker charakterisierte – je einen solchen Menschen gegeben hat oder gibt, „… der weder eine eigene Meinung, noch eigene Grundsaetze hat, noch je ueber Handeln Theorien zu bilden in der Lage sei.“ (Untersuchung ueber den menschlichen Verstand XII,2.) Die Skepsis des ‚hinsehen‘ auf die Sache hielt Hume dagegen fuer unverzichtbar: „Eine an der Sache sich bemessende Skepsis scheint mir sehr plausibel, denn sie sorgt fuer die Unvoreingenommenheit meiner Urteilsfaehigkeit und entzieht mir alle jene Vorurteile, die ich durch Erziehung oder voreiliges Meinen uebernommen habe. Ich beginne mit klaren und sich aus der Sache ergebenden Grundannahmen, gehe behutsam und jeden Schritt sichernd weiter, ueberdenke immer wieder meine Schlussfolgerungen und pruefe die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen sehr genau. … ich halte dies fuer die einzige Methode, durch die ich hoffen kann, Zutreffendes herauszufinden und einigermaszen dauerhafte und gut begruendete Aussagen machen zu koennen.“ (ebd. XII,4)

Irrtuemer 1


Humes Philosophie als Ergebnis von ‚philosophieren‘ in eigener Sache

Die geringe Resonanz auf die aus meiner Sicht „sensationellen“ Texte Humes beschaeftigt mich. Wie kommt es, dass Humes Beschreibungen des Menschlichen, seine Aussagen ueber Kommunikation (’sympathizing‘), ja insgesamt Humes grundsaetzlich eigenstaendige neue Sichten, die anderen eigenstaendiges Philosophieren ermoeglichen koennen, so wenig Aufmerksamkeit finden? In den nachfolgenden Artikeln moechte ich veroeffentlichen, was ich dazu herausgefunden habe.

Der Personenkreis,  an den ich als moegliche Interessenten fuer Humes Philosophie denke, sind Menschen die ‚philosophieren‘ fasziniert. Mit ‚philosophieren‘ meine ich im Allgemeinen, ueber alles, was ich merke nachzudenken. Dieses ’nachdenken‘ bezieht sich auf Material, das das Leben zur Verfuegung stellt, besteht also aus Ereignissen und entsprechenden Erlebnissen, die mehr oder weniger angenehm waren. Aus diesen ziehen Menschen Schlussfolgerungen für ‚handeln‘ in der Gegenwart – d.h. sie lernen -, was üblicherweise mit dem Wort „Erfahrung“ bezeichnet wird. Menschen, die ‚philosophieren‘ fasziniert, interessieren sich in diesem Zusammenhang auch fuer das, was amtlich bestellte oder bekannte Philosophen zu sagen haben. Denn diese bestimmen mit ihren Auffassungen den oeffentlichen Diskurs.

Meine Beduerfnisse, denen ich mit meinem ‚philosophieren‘ zu entsprechen suche, beziehen sich auf mein ‚handeln‘ fuer mich und fuer andere. Es geht mir darum, eigene Orientierungen bzw. Kriterien fuer menschliches ‚handeln‘ zu entdecken, mit denen ich mein ‚handeln‘ verbessern kann.  Eine Reihe weiterer Merkmale meines  physistisch geprägten ‚philosophieren‘ findet sich unter Rolf Reinhold’s PHYSISTIK. Ich verdanke es dem Philosophen Rolf Reinhold, dass ich „das Rad nicht neu erfinden musste“, sondern die von ihm fuer sein Leben gefundenen Muster menschlichen Handelns als erste Orientierungen und Auffinden meiner Kriterien verwenden konnte. Da ich davor bereits bei toten und lebenden Metaphysikern (u.a.  Platon und Augstin von Thagaste) in die Schule gegangen war, ist es fuer mich auszerdem wichtig zu klaeren, weshalb die Metaphysik fuer mich keine Orientierungen und Kriterien zu Verfuegung stellte. Dies steht alles im Kontext meines Interesses am Humeschem ‚philosophieren‘.

Humeforscher gehen von einem ganz anderen Ansatz des ‚philosophieren‘ aus als ich und kommen so zu anderen Humeinterpretationen. So schreibt z.B. Lambert Wiesing in seinem Kommentar zu Humes UNTERSUCHUNG UEBER DEN MENSCHLICHEN VERSTAND, es sei unter Philosophen unstrittig, „dass philosophische Forschung keine empirischen Beweise erbringt, sondern durch kategoriale und begriffliche Argumentation vollzogen wird“ (David Hume: Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Übers. Raoul Richter. Kommentar v. Lambert Wiesing. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2007, S. 254). Weil Hume nach Wiesings Meinung ‚Empirie‘ als Beweise fuer seine philosophischen Forschungsergebnisse benutze – Humes Differenzierungen in diesem Punkt könnte er überlesen haben (vgl. u.a. David Hume: Untersuchung ueber den menschlichen Verstand V,2) -, erklaert er das Humesche ‚philosophieren‘ fuer gescheitert. Wiesing meint, das Scheitern mache den „klassischen Wert“ Humes fuer die Philosophie aus. Hume habe aber eigentlich blosz „psychologische Betrachtungen“ angestellt (ebd.). Auch dies scheint unter deutschen Humeforschern unstrittig zu sein.

Lambert Wiesings Auffassung über Philosophieren duerfte unter universitaer ausgebildeten Philosophen und Humeforschern unstrittig sein, aber nicht unter philosophierenden Menschen, die ‚philosophieren‘ als koerperumfassende Aktivität ihres eigenen Lebens fasziniert. Diese ‚physistisch gepraegten‘ Philosophen folgen stets ihren eigenen Wegen zu ‚philosophieren‘, weil sie davon ausgehen, dass nur eigene Wege sie weiterbringen. Sie moechten ’sagen, was sie sehen und denken, was sie denken‘. Nichts was andere meinen, bleibt ungeprueft, auch Eigenes nicht.

Der Behauptung Wiesings, dass Empirie (Erfahrung) keine Beweise bringt, stimme ich mit Hume gern zu: Beweise sind nur innerhalb von in sich geschlossenen Systemen moeglich, wie sie z.B. die Mathematik produziert (vgl. Untersuchung ueber den menschlichen Verstand V,1.) Ereignisse, Situationen menschlichen Lebens aber, insbesondere ‚Menschen‘, sowie ‚handeln‘ und ‚denken‘ bezeichnen keine in sich geschlossenen Systeme. Von ihnen nimmt Hume an, dass sie philosophische Forschungsergebnisse liefern, die ausschließlich ‚probabilistischen‘ Charakter haben (vgl. z.B. Untersuchung ueber den menschlichen Verstand IV Abhandlung ueber die menschliche Natur 1.4.5. 30|35.) Die Begrenztheit probalistischer Aussagen akzeptiert Hume, weil sie  in der Natur der Sache liegen. Diese Sachen sind ‚impressions‘ und ’sensations‘, stets ‚peripherieoffen‘ und so veraenderbar. Menschen werden kontinuierlich durch koerperliche Eindrücke und Empfindungen pertubiert. Diese werden an der koerperlichen Peripherie oder durch entsprechende innere Organlagen ausgeloest und bilden die Basis unserer Entscheidungen. 

Solange dieses natuerliche Lernprinzip ausgeschlossen wird, ist fuer mich jede ‚kategoriale und begriffliche‘ Festlegung unbrauchbar, weil sie so tut, als sei sie vom Himmel gefallen. Wiesing laesst diesem Verstaendnis folgend die menschliche Physis auszen vor. Derartiges ‚wegsehen‘ ist m. E. nicht unter ‚psychologischen Betrachtungen‘ zu verbuchen. Dies entstammt einer nach wie vor lebendigen philosophischen Tradition Deutschlands, in der mehr oder weniger offensichtlich uralte Kategorien und Begriffe verwendet werden, die Autoritaetsabhaengigkeit signalisieren.

Kant hielt die menschliche Natur fuer philosophisch unerheblich, weil er die uneingeschraenkte Steuerbarkeit der menschlichen Physis durch Verstand und Vernunft als a priori gegeben ansah (vgl. Johann Kraus: Recension von Ulrich’s Eleutheriologie). Hume aber machte von der menschlichen Physis als Ausgangpunkt fuer seine Abhandlung ueber die menschliche Natur positiven Gebrauch. Anstatt wie Kant von Theorien des ‚denken‘  ging er von physiologischen Forschungserebnissen seiner Zeit und vor allem von seinem eigenen Beobachten menschlichen Verhaltens aus,  sein eigenes einschließlich. Die Tradition der „Kategorien und Begriffe“ duerfte also hinsichtlich Hume keine zutreffenden Kriterien der Interpretation zur Verfuegung stellen koennen, weil Hume ihr nicht folgte. Bereits als junger Mann hat Hume jede Unterordnung seines ‚philosophieren‘ unter alte Theorien abgelehnt. „Ich habe herausgefunden, dass die Philosophie ueber menschliches Handeln seit der Antike mit derselben Unzulaenglichkeit arbeitet wie die Naturwissenschaften. Beide gehen m. E. ausschlieszlich von Hypothesen und Spekulationen aus, anstatt sich auf Erfahrbares und Erforschbares zu beziehen…Man muss nicht viel mehr tun, um zu verwertbaren Ergebnissen zu kommen, als alle diese alten Theorien zugunsten der eigenen Sichten oder der anderer wegzuwerfen. Es duerfte letztlich von den Sichten anderer abhaengen, ob meine Schlussfolgerungen fuer zutreffend gehalten werden oder nicht. Innerhalb der letzten drei Jahre habe ich meine Schlussfolgerungen in einem Ausmasz vervielfacht, so dass ich damit viele Stapel Papier mit Notizen fuellen konnte, die ausschlieszlich das enthalten, wie ich die Dinge sehe.“ (David Hume: Brief an einen Arzt. Edinburgh 1734. Abgedruckt in John Hill Burton: Life and Correspondance of David Hume. Edinburgh 1846. Band I. S. 30 – 39.)

Hume: „Ich möchte Erfahrbares und Erforschbares studieren!“

Dass es sich lohnen duerfte, Hume zu revisitieren, koennte auch folgendes Resuemee des 22jaehrigen Philosophen nahe legen.

„Ich habe herausgefunden, dass die Philosophie ueber menschliches Handeln seit der Antike mit derselben Unzulaenglichkeit arbeitet wie die Naturwissenschaften. Beide gehen m.E. ausschließlich von Hypothesen, d.h. ueberwiegend von Erfindungen aus, anstatt sich auf Erfahrbares und Erforschbares zu beziehen. Jeder Philosoph bemueht seine Fantasie und errichtet Chimaeren inner- und zwischenmenschlicher Tugenden (Idealitaeten) und erfuellender Lebenskonzepte, ohne die menschliche Natur mit einzubeziehen, von der – aus meiner Sicht – jede philosophische Schlussfolgerung ueber gesellschaftsweit praktizierte Mitmenschlichkeit ausgehen muesste.

Deshalb moechte ich vor allem Erfahrbares und Erforschbares studieren und dieses als Quelle von Kenntnissen sowohl fuer aesthetische wie fuer humane Wissenschaften verwenden. Ich halte es inzwischen fuer eine Tatsache, dass die meisten verstorbenen Philosophen Opfer ihrer eigenen ueberragenden geistigen Faehigkeiten geworden sind.

Außerdem bin ich sicher, dass man nicht viel mehr tun muss, um zu verwertbaren Ergebnissen zu kommen, als alle diese alten Vorurteile zugunsten der eigenen Meinung oder der anderer wegzuwerfen. Davon duerfte es letztlich abhaengen, ob meine Schlussfolgerungen fuer zutreffend gehalten werden oder nicht. Innerhalb der letzten drei Jahre habe ich meine Schlussfolgerungen in einem Ausmaß vervielfacht, dass ich damit viele Stapel Papier mit Notizen fuellen konnte, die nichts weiter als meine eigenen Erfindungen enthalten.“

Diese Notizen bildeten die schriftliche Grundlage fuer Humes „Treatise Of Human Nature“.

(David Hume: Brief an einen Arzt. Edinburgh 1734. Abgedruckt in John Hill Burton: Life and Correspondance of David Hume. Edinburgh 1846. Band I. S. 30 – 39. Die Veroeffentlichung ist als PDF im Widget „Ueber Hume“ verlinkt und komplett downladbar bei Google-Buch.)