Skepsis 1

Hume sah sich mit der ersten Veröffentlichung seiner ABHANDLUNG ÜBER DIE MENSCHLICHE NATUR den Anfeindungen der christlichen Fundamentalisten – Hume nannte sie biblisch ‚Zeloten‘ – ausgesetzt. Diese Anfeindungen begleiteten ihn sein ganzes Leben und verhinderten eine akademische Laufbahn, die er sich gewünscht hatte. Im Folgenden aus dem XII. Abschnitt seiner ENQUIRY grenzte er sich von der klerikal-philosophischen Sicht auf Skeptiker ab und skizzierte seine eigene Skepsis.

„Der Skeptiker wird als einer der Feinde der Religion betrachte, was unvermeidlich die Empörung aller religiösen und streng scholastisch denkenden Philosophen hervorrufen muss. Sie halten ihn für einen Menschen, der weder eine fundierte Meinung, noch eigene Grundsätze hat, noch je über Handeln und Kenntnisse zu bilden in der Lage sei.  M.E. dürfte es auszuschließen sein, dass man einem Menschen mit einer derart desolaten Verfassung begegnen dürfte oder ihm je begegnet ist.“ (ENQUIRY XII,2)

„Aus meiner Sicht allerdings ist eine bestimmte Art von Skepsis eine notwendige Bedingung für das wissenschaftliche Studium. Diese von mir praktizierte gemäßigtere Skepsis scheint mir sehr plausibel, denn sie sorgt für die Unvoreingenommenheit unserer Urteilsfähigkeit und entzieht uns alle jene Vorurteile, die wir durch Erziehung, Bildung oder unreflektiert übernommene  Überzeugungen aufgenommen haben.  Wir beginnen im Sinne dieser Skepsis mit klaren und sich aus der Sache ergebenden Grundannahmen, gehen behutsam und jeden Schritt sichernd weiter, überdenken immer wieder unsere Schlussfolgerungen und prüfen die sich daraus ergebenden weiteren Folgen sehr genau. Zwar werden wir auf diese Weise nur langsam und in geringem Umfang vorankommen, aber ich halte dies für die einzigen Methoden, durch die wir hoffen können, Zutreffendes herauszufinden und einigermaßen solide und gut begründete Aussagen machen zu können.“ (ENQUIRY XII,4)


Der Text der ENQUIRY CONCERNING HUMAN UNDERSTANDING in gut lesbarem Englisch

Das Copyright dieses Textes liegt beim Autor Jonathan F. Bennett. Er genehmigte auf seiner Website die non-profit-mäßige Veröffentlichung seiner Arbeiten. http://www.earlymoderntexts.com/

Hinsehen

Hume erläuterte vor 250 Jahren die Vorteile seiner „offensichtlichen Philosophie“ gegenüber der „verborgenen“: Die „offensichtliche“ Philosophie will dem Menschen der Gegenwart „Modelle menschlicher Ganzheit“ an die Hand geben, die dem Handeln dienen können. Sie möchte dazu „den Schatz der Kenntnisse“ durch das eine oder andere bereichern.

Die Ergebnisse seiner Schatzsuche hat Hume auf der Basis von medizinischen und naturwissenschaftlichen Kenntnissen seiner Zeit und durch die ‚experimentelle Methode des Nachdenkens, Überlegens und Reflektierens‘ in seiner „Abhandlung über die menschliche Natur“ ausführlich und auf das wesentlichste beschränkt in seiner „Untersuchung des menschlichen Verstandes“ veröffentlicht.

Hume hat sich über traditionelle Sichten hinweggesetzt, weil sie aus seiner Sicht alte Sichtweisen zementierten, anstatt neue zu ermöglichen. Das was er dabei gefunden hat und wie er vorgegangen ist, kann helfen, Menschliches im Sinne einer Ganzheit authentisch zu optimieren.

Bekannt ist seine differenzierte Sicht auf die als Wissen gehandelte  Selbstverständlichkeit „Kausalität“. Leider haben ihm andere unterstellt, eine neue Kausalitätstheorie entwickelt zu haben. Ihm jedoch war aus meiner Sicht daran gelegen, herauszufinden, wie Menschen zu einer für gewiss gehaltenen Auffassung kommen, für die aus seiner Sicht jede Grundlage in der Sache fehlt.

Sein ausgeprägter Sinn für das Hinsehen auf die Sache kann anregen, die eigenen Sichten auf Sachen und Ereignisse in den Blick zu nehmen.