Eigenstaendig Philosophieren

Zwei Jahre nach dem Erscheinen der ersten beiden Baende der Abhandlung Ueber die menschliche natur schrieb Hume 1740: Die Philosophie, fuer die „…ich hier eintrete, scheint mir derartig faszinierend Neues zu beschreiben, sodass …[sie] die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit verdient.“*

*Im Vorwort der ZUSAMMENFASSUNG UEBER EIN KUERZLICH ERSCHIENENES BUCH mit dem Titel ABHANDLUNG UEBER DIE MENSCHLICHE NATUR, 1741.

Die Aufmerksamkeit blieb damals aus. Hume entschloss sich – anonym – Werbung in eigener Sache mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Gedanken der ABHANDLUNG zu machen, „um die Leserschaft zu vergroeßern“ (ebd.) Die Kritik christlich-religioeser Fundamentalisten war die einzige Antwort, aber sie war fuer den von Hume gewuenschten philosophischen Diskurs untauglich. Sie hat Hume Schaden zugefuegt.  Hume resuemiert: “ Ich werde mich damit begnuegen muessen, eine Zeitlang geduldig darauf zu warten, bis die Meinung der gelehrten Welt diesen Darlegungen wird zustimmen koennen.“ (ebd.) Eine breite Zustimmung zu den Hume’schen Darlegungen ist bis heute ausgeblieben. Acht Jahre spaeter in der ENQUIRY  CONCERNING HUMAN UNDERSTANDING erwaehnt er das Schweigen auf die Veroeffentlichung seiner Philosophie als moegliche Folge seines jahrelangen und weltabgeschiedenen Forschens in seiner eigenen „inneren Fabrik“. Ueber diese energieverbrauchende und zeitlich ausgedehnte Arbeit, habe er wohl vergessen, dass er ein soziales Wesen sei*, bzw. Beschraenkungen durch andere akzeptieren muesse,  koennte man aus seinen Darlegungen schließen.

*Vgl. UNTERSUCHUNGEN UEBER MENSCHLICHES DENKEN I,7. Ueblicherweise heißt der deutsche Titel Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Weil ‚VERSTAND‘ aber metaphysische Mitbedeutungen assoziiert, die m.E. nicht zum Hume’schen Philosophieren passen und deshalb auch den Zugang dazu mindestens erschweren, habe ich ihn veraendert. Ich werde dazu noch spaeter Naeheres erlaeutern.

Der wissenschaftlichen Welt seiner Zeit und ihren aufgeklaerten Buergern scheint entgangen zu sein, welche reiche Moeglichkeiten des Philosophierens Hume’s Veroeffentlichungen boten.


Habe Mut,

Dich ohne fremde Leitung Deines eigenen Denkens zu bedienen.

Hume ging davon aus, dass seine Philosophie jedem Menschen eigenstaendige Antworten wuerde ermoeglichen koennen, was dem aufgeklaerten Ideal seiner Zeit „handeln und denken ohne Bevormundung durch Autoritaeten“ entsprach. „Derartige gewagte Versuche, wie dieses Buch sie unternommen hat,“, so faehrt er in der ZUSAMMENFASSUNG fort, „scheinen mir in jedem Fall von Vorteil fuer die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft, denn sie schuetteln das Joch der Autoritaeten ab und koennen Menschen daran gewoehnen eigenstaendig zu denken. Sie geben Anregungen, die bereits eigenstaendig denkende Menschen produktiv weiter verfolgen koennen und fordern zum Widerspruch heraus, weil sie Sachverhalte erlaeutern, deren implizite Irrtuemer bisher noch niemand aufgefallen sind.“ (Im Vorwort der Zusammenfassung.)

Mit diesem Ansatz Anleitung und Anregung zum eigenstaendigen Handeln und Denken geben zu wollen, unterscheidet sich Hume’s Philosophie deutlich von metaphysischen Philosophien, weshalb in ihr m.E.– abgesehen von gleichen Lautzeichenfolgen* – keine Beruehrungspunkte mit diesen zu finden sind. Seine Empirie entspricht nicht der Empirie wie Metaphysiker bzw. Philosophen des Geistes, der Sprache oder Materialisten sie fassen. Er hat weder eine neue Erkenntnistheorie, noch eine neue Kausalitaetstheorie entwickelt. Seinen vielfaeltigen Beschreibungen sind derartige Konstrukte m.E. nur zu unterstellen, wenn man vieles ueberliest.

*“Lautzeichenfolge“ steht für Wort.


ASPEKTUALISIEREN

Seine experimentelle Methode des Philosophierens geht vom Prinzip des ASPEKTUALISIEREN aus. D.h. er geht um die Dinge herum, die er zum Thema macht. Betrachtet sie von allen Zeiten, beschreibt, was er sieht und ueberlaesst es dem jeweiligen Leser, zu pruefen und eigenes zu schlussfolgern. Dies scheint Hume-Forscher zu irritieren. Es wird nach eindeutigen, klar definierten Auffassungen Hume’s geforscht. Es werden ihm Unterlassungen, Widerspruechlichkeiten und Banalitaeten unterstellt.

So wird z.B. zu Humes Beschreibungen, wie Erfahrungen und Gewohnheit unser Denken ueber die Welt bestimmen, kommentiert: „… die Entstehung unserer Meinungen ueber die Welt richtig zu erklaeren, heißt nicht, einen Beleg dafuer zu liefern, dass unsere Meinungen ueber die Welt auch richtig sind.“ *

*Jens Kuhlenkampff: David Hume. Muenchen 1989, S. 71.

Hume erlaeuterte dazu: Wenn ich die menschliche Neigung, eine Vielzahl aehnlicher aufeinanderfolgender Ereignisse als Ursache-Wirkungs-Beziehungen aufzufassen, mit Gewohnheit bezeichne, “ … bedeutet dies nur, dass ich ein Wort verwende, ohne damit eine letzte unhintergehbare Begruendung zu liefern. Ich weise lediglich auf ein Muster menschlichen Verhaltens hin, dass allgemein anerkannt wird und das mir in seinen Auswirkungen wohl vertraut ist.“ * Und er fuegte hinzu: ‚Eventuell wird es uns eines Tages moeglich sein, mehr darueber herauszufinden.*

*Hume: UNTERSUCHUNG ÜBER MENSCHLICHES DENKEN V,5.


KAPIERBARes Philosophieren

Hume wollte Menschliches kapierbar darstellen. Dabei dachte er an einen eigenstaendig denkenden und handelnden Leser oder zumindest an einen, der dies sein moechte. Diesen moechte er mit von ihm entdeckten Hinweisen – anstatt mit Wahrheiten – darin unterstuetzen, eigene Antworten auf Fragen zu finden. Dabei zu behaupten, das eine waere ‚richtig‘ und das andere ‚falsch‘ koennte im Kontext Hume’scher Philosophie bedeuten in voraufklaererische Denkweisen zurueckzufallen. Hume hat meiner Meinung nach fuer sich aus seinen Beobachtungen Schlussfolgerungen gezogen – die er fuer zutreffend hielt – und die er anderen diskursiv zur Verfuegung stellte.

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‚impressions‘ sind Ursprung des Denkens, Vorstellens und der Ideen

Gleich im zweiten Abschnitt seiner Enquiry of Human Understanding ignorierte Hume jahrhundertealte strittige Fragen der metaphysischen Erkenntnistheorie und fand einen völlig anderen Ansatzpunkt über den Ursprung menschlichen Denkens, menschlicher Vorstellungen und Ideen zu sprechen.

Es ging um die Frage: Wie kommt es, dass Menschen Gedanken, Vorstellungen und Ideen haben?

“ Nichts erscheint auf den ersten Blick so schrankenlos, wie das menschliche Denken; es entzieht sich nicht allein jeder menschlichen Macht und Autorität, sondern überschreitet auch die Grenzen der Natur und der Wirklichkeit. Ungeheuer zu erschaffen und widersprüchliche Gestalten zu neuen Erscheinungen zusammenzusetzen, kostet die Einbildungskraft nicht mehr Mühe, als die Vorstellung des natürlichsten und bekanntesten Gegenstandes. Während der Körper auf einem Planeten beschränkt ist, auf dem er mühsam und schwerfällig herumkriecht, kann das Denken uns in einem Augenblick in die entferntesten Gegenden des Weltalls tragen; ja selbst darüber hinaus in das grenzenlose Chaos, wo die Natur in gänzlicher Verwirrung liegen soll. Was man nie gesehen oder gehört hat, kann man sich doch vorstellen; kein Ding ist der Macht der Gedanken entzogen, mit Ausnahme dessen, was einen unbedingten Widerspruch einschließt. Obgleich indes unsere Gedanken diese unbegrenzte Freiheit zu besitzen scheinen, zeigen sie sich doch bei näherer Untersuchung in Wahrheit in sehr enge Grenzen eingeschlossen. Ich behaupte, diese schöpferische Energie des Geistes verdanken wir lediglich unserem Talent das Material – das uns Sinne und Erfahrung liefern – neu zusammenzustellen, zu übertragen, zu erweitern oder zu beschränken. …alle unsere Gedanken, Vorstellungen oder Ideen sind Nachbilder unserer ‚impressions‘, d.h. lebhafteren Empfindungen.

Bisher hat sich für mich gezeigt, dass jeder noch so komplexe Gedanke bzw. jede noch so komplexe Vorstellung [bzw. Theorie], sich auf einfache Vorstellungen zurückführen lässt, die frühere ‚impressions‘ nachahmt. Selbst solche, die auf den ersten Blick aus anderer Quelle zu stammen scheinen  – wie unsere Vorstellung Gottes als eines unendlich klugen, weisen und guten Wesens – entstehen, indem wir unsere menschlichen Handlungsweisen reflektieren und die so gewonnenen Vorstellungen maßlos steigern und dann der Natur Gottes als das “Gute und Weise schlechthin” zuschreiben. Wir können unsere Nachforschungen in jede nur denkbare Richtung ausdehnen. Wir werden immer wieder feststellen können, dass jeder Gedanke, jede Idee, jede Vorstellung, [jede Theorie] die wir prüfen, vergleichbaren ‘impressions’ nachgebildet worden ist. Diejenigen, die behaupten möchten, dass diese Feststellung weder allgemein noch ausnahmslos gültig sein kann, haben bloß eine Möglichkeit sie zurückzuweisen: Sie sollten einen Gedanken, eine Vorstellung, eine Idee, [eine Theorie] produzieren, die ihrer Meinung nach einen anderen Ursprung hat.

Ein Mensch, der wegen eines organischen Defektes bestimmte ‚impressions‘ nicht wahrnehmen kann, kann sich keine entsprechende Vorstellung machen. Ein Blinder kann keine Vorstellung von Farben, ein Tauber keine von Tönen sich bilden. Wenn der organische Defekt behoben wird, so ist mit der Öffnung dieses neuen Kanals für seine Empfindungen auch ein Kanal für seine Vorstellungen eröffnet, und es ist ihm leicht, sich das Betreffende vorzustellen.

Ebenso verhält es sich, wenn wir von einem Gegenstand noch keine ‚impressions‘ hatten. Ein Lappländer oder Neger hat keinen Begriff vom Weingeschmack. … Ein sanftmütiger Mensch kann sich keine Vorstellung von unverbesserlicher Grausamkeit und Rache machen, und ein Egomane kann sich kaum die Freuden von Freundschaft und Großherzigkeit vorstellen. Menschen geben auch zu, dass andere Wesen Empfindungen von Dingen haben mögen, von denen wir keine Vorstellung haben, weil uns die entsprechenden ‚impressions‘ fehlen, durch die der Mensch allein Vorstellungen bekommen kann.“

DAVID HUME: ENQUIRY CONCERNING HUMAN UNDERSTANDING, Section II

Der Text der ENQUIRY CONCERNING HUMAN UNDERSTANDING in gut lesbarem Englisch PDF

Anmerkung zum Copyright: Dieser englische Text ist von seinem Autor Jonathan F. Bennett zur non-profit Veröffentlichung in jeder Art von Medium freigegeben. Er findet sich auch auf Bennett’s Website unter http://www.earlymoderntexts.com/f_hume.html

Kommentar Humes zum Erfolg der ENQUIRY: „…this piece was at first little more successful than the Treatise of Human Nature.“ (Hume: „My Life“)