Menschenwissenschaft V


Wenn Wissenschaften, dem Menschen nuetzen moechten, dann muessen sie ohne Letztbegruendungen, ohne Wahrheit und Objektivitaet auskommen. (Abh.Einl.9)

„Auch wenn ich mich im Rahmen meiner Wissenschaft der menschlichen Natur sehr intensiv damit beschaeftigt habe, die allerletzten Prinzipien des Intellektes, der Affekte, des Handelns und der Fantasie zu klaeren, bin ich nicht in der Lage, zu sagen worin diese bestehen.“

Letztbegruendungen (‚ultimate principles‘) wie sie Menschen und Philosophen und andere Wissenschaftler in stiller Abhaengigkeit von christlich-theologischen Setzungen seit Jahrhunderten glauben finden zu koennen, sind laut Hume nicht zu finden. Er ging zwar davon aus ‚principles‘ entdeckt zu haben, wie Menschen sich die Welt begreifbar machen (‚human understanding‘), uebertrug diese auf alle Menschen, doch er hielt diese Art von Verallgemeinerung fuer revidierbar und optimierbar. Diese ‚principles‘ sind so etwas wie Muster menschlichen Verhaltens, die ausschließlich Resuemees seiner Beobachtungen sind. Er ging davon aus, dass andere zu anderen Resuemees kommen. Diese Grenzen menschlichen Nachdenkens duerfte er als ein ‚principle‘ der menschlichen Natur angesehen haben.

„Daher kann ich auch nicht wirklich darueber Auskunft geben, wie das menschliche Beduerfnis die Welt zu verstehen (‚human understanding‘), natuerlicherweise befriedigt werden kann.“

Im Unterschied zu seinen philosophierenden Zeitgenossen und den Philosophen nach ihm, stellte er an sich selber fest, dass ihn seine Fragen dann zur Ruhe kommen ließen, wenn er sie nicht beantworten konnte und darauf verzichtete, sich Antworten zu fantasieren. Diese Entscheidung, dort nicht mehr zu forschen, wo er keine Antworten finden konnte, scheint eine seltene Qualitaet philosophischen Denkens. Geben doch die meisten Menschen sogar da Antworten, wo sie eigentlich nichts wahrnehmen (’sensorieren‘). Der Kabarettist Hans-Dieter Huesch hatte das sich daraus ergebende wortreiche Verhalten als Eigenschaft des Niederrheiners aufs Korn genommen. Hume beschrieb seine Grenze so:

“ Wenn ich sehe, dass ich beim Nachdenken dort angelangt bin, wo sich fuer mich nichts mehr ergibt, kann ich mich beruhigt zurücklehnen. Andererseits eroeffnet mir diese Tatsache, dass mich meine große Unkenntnis ueber die allerletzten Prinzipien zur Ruhe kommen laesst, die Moeglichkeit, dass ich eventuell Gruende fuer die allgemeinsten und einfachsten Prinzipien des ‚human understanding‘ finden koennte, wenn ich dort forsche, wo ich sie beobachten kann. …“

‚experience‘, d.h. Hinsehen auf das, was man beobachten kann, duerfte stets der Maßstab fuer Hume’sches Resuemieren gewesen sein.

„I do not think a philosopher, who would apply himself so earnestly to the explaining the ultimate principles of the soul, would show himself a great master in that very science of human nature, which he pretends to explain, or very knowing in what is naturally satisfactory to the mind of man. … When we see, that we have arrived at the utmost extent of human reason, we sit down contented; tho’ we be perfectly satisfied in the main of our ignorance, and perceive that we can give no reason for our most general and most refined principles, beside our experience of their reality; …“ (Treat.Intro.9)

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Menschenwissenschaft III


 

Hume wollte mit seiner MENSCHENWISSENSCHAFT sowohl die wissenschaftliche, gesellschaftliche und persoenliche Welt auf eine neue Basis stellen.

Seine ABHANDLUNG UEBER DIE MENSCHLICHE NATUR dokumentiert sowohl eine Vielzahl von Sachverhalten als auch seine Art und Weise darueber nachzudenken, außerdem entsprechende Ergebnisse, die er ueberwiegend als ‚principles‘ bezeichnet. Diese ‚principles‘ sind eine Art von Behauptungen von Mustern menschlichen Verhaltens , denen er Begruendungen (reasons) zuordnet, die sich im Kontext seines Hinsehens auf menschliches Verhalten (sein eigenes mit eingeschlossen) fuer ihn ergeben haben.

 Dieses Philosophieren scheint ohne langatmige, weitlaeufige Eroerterungen nicht auszukommen. Seine „experimental reasonings“, die die Abhandlung ueber die menschliche Natur und andere seiner Schriften fuellen, sind nicht „… leicht und muehelos zu begreifen“(Abh.Einl.3). Dies duerfte u. a. daran liegen, dass beim Ueberlegen vieles beruecksichtigt wird, um das ‚principle‘ zutreffend und brauchbar herzustellen. ‚principles‘, die so entstehen, sind nicht fuer die Ewigkeit geschaffen, sondern fuer den sich kontinuierlich veraendernden Alltag von Menschen. Charakterisierungen wie „Wissen“ und „Erkenntnisse“ kommen fuer sie nicht in Frage, denn diese beanspruchen Gewissheit. ‚principles‘ duerften eher ‚begruendete Vermutungen‘ sein, die wie Hume sich aeußert, vom ‚freizuegigen Eingestaendnis meiner Unwissenheit‘ getragen werden (Abh.Einl.10) Sie sind jederzeit revidierbar und veraenderbar. Dass Revidieren und Veraendern im Diskurs mit der „Gelehrtenrepublik“ seiner Zeit gelaenge, wuenschte sich Hume fuer die Veroeffentlichung seines TREATISE.

Es entsprach vermutlich seiner Auffassung von seiner Menschenwissenschaft genauso wie von Wissenschaft ueberhaupt, dass sie ein niemals endendes Forschen kennzeichnet. In unseren Wissenschaften ist immer noch von Zielen, Erkenntnissen und Fortschritt die Rede, sodass der Eindruck entsteht, Wissenschaftler glaubten, dass sie irgendwann einmal alle Raetsel der Welt geloest haben duerften. Ganz anders Hume: „Und obwohl ich anstrebe alle erreichbaren ‚principles‘ so allgemeingueltig wie moeglich zu fassen, indem ich der jeweiligen zu erforschenden Fragestellung bis in jedes Detail nachgegangen bin und dabei alle Ergebnisse auf elementarste und eine minimale Anzahl von Ursachen zurueckgefuehrt habe, bin ich sicher, dass das Erforschen der menschlichen Natur nie enden wird. Denn jede Hypothese, von der angenommen wird, dass sie die allerletzten urspruenglichen Eigenschaften der menschlichen Natur zum Vorschein bringen soll, ist ohne Hinsehen auf Sachverhalte als vorurteilsbehaftet und der Fantasie entsprungen abzulehnen.“ (Abh.Einl.8) Es scheint so, dass menschliche Sichtweisen und Sachverhalte sich staendig aendern. Davon auszugehen, dass wissenschaftliche und alltaegliche Kenntnisse je an ein Ende kommen, hieße diese Realitaet zu ignorieren.     

 

Menschenwissenschaft I



Humes Anregungen einer WISSENSCHAFT UEBER DEN MENSCHEN werden seit Jahrhunderten uebersehen. Nur wenige sagen es laut, dass wissenschaftliche Forschungsergebnisse ‚menschengemacht sind‘. Was laege da naeher, als zu untersuchen, wie Menschen zu ihren Forschungsergebnissen kommen? Hume machte es vor, wie so eine Menschenwissenschaft aussehen könnte.


Transposition

Abhandlung ueber die menschliche Natur

Einleitung

4
Ich habe festgestellt, dass alle Wissenschaften mehr oder weniger eine Beziehung zur menschlichen Natur haben. Wie weit sie sich auch davon entfernen moegen, auf dem einen oder anderen Weg kehren sie zu ihr zurueck. Sogar Mathematik, Naturwissenschaft und natuerliche Religion haengen gewissermaßen von der Wissenschaft ueber den Menschen ab. Wissenschaftliche Ergebnisse ergeben sich naemlich aus dem, was Menschen perzipieren (bzw. sensorieren). Außerdem werden die Ergebnisse nur in der Art und Weise interpretiert, wie Menschen sie im Rahmen ihrer jeweiligen persoenlichen Moeglichkeiten und Faehigkeiten zu begreifen in der Lage sind. Es ist daher unmoeglich, vorherzusagen, welche Entwicklungen und Verbesserungen in den Wissenschaften moeglich waeren, waere durchweg bekannt, bis zu welchem Grad und wie sich Menschen beobachtbare und erforschbare Ereignisse begreifbar machen, d.h. gemaeß welcher Gesetzmaeßigkeiten ‚human understanding‘ zu stande kommt.

5
Wenn im Hinblick auf die moegliche Bedeutung des oben skizzierten ‚human understanding’ die Wissenschaften Mathematik, Naturwissenschaften und ’natuerliche Religion‘ entsprechend abhaengig von Kenntnissen ueber den Menschen sind, was duerfte dann fuer die anderen Wissenschaften erwartet werden koennen, deren Verbindung mit der menschlichen Natur enger und eigentlicher sind? Um diese Frage beantworten zu koennen, waere auch fuer sie darzulegen, auf welchen natuerlichen Grundlagen und in welcher Art und Weise Menschen ihre Ueberlegungen anstellen. Außerdem waere zu klaeren, wie unsere ‚ideas’ beschaffen sind. Im Hinblick auf moralische Fragen waere zu erlaeutern, wie Menschen sich ein allgemein akzeptiertes Verhalten aneignen. Dazu gehoert auch die Behandlung von Fragen im Hinblick auf Beduerfnis-, Interessen- und Gefuehlslagen, ebenso wie natuerliche Grundlagen oeffentlicher zwischenmenschlicher Beziehungen, die davon ausgehen, dass Menschen gesellschaftsweit miteinander verbunden und voneinander abhaengig sind.

6
Ich gehe daher davon aus: Um zu verwertbaren Ergebnissen kommen zu koennen, duerfte die Untersuchung des ‚human understanding‘ das einzige erfolgreiche Mittel fuer meine philosophischen Forschungen sein. … Indem ich so die menschliche Natur selber untersuche, wende ich mich unmittelbar dem zentralen Bezugspunkt jeder dieser Wissenschaften zu … Wenn es mir gelingt, in der menschlichen Natur grundlegende Prinzipien des ‚human understanding‘ zu entdecken, duerfte es ohne weiteres moeglich sein, diese Kenntnisse auf andere Wissenschaften erfolgreich anzuwenden. Von da aus duerften diese Kenntnisse auf alle jene Wissenschaften ausgedehnt werden koennen, die sich eingehend mit dem menschlichen Leben beschaeftigen. Im Anschluss daran duerften ohne Probleme die Kenntnisse vollstaendiger entdeckt werden koennen, die sich durch Gegenstaende bloßer Faszination ergeben. Ich behaupte, es gibt einerseits keine Frage von Belang, deren Antwort nicht in der Wissenschaft ueber den MENSCHEN enthalten sein duerfte. Andererseits duerfte keine Frage zutreffend beantwortet werden koennen, bevor diese Wissenschaft nicht bekannt ist. Wenn ich also vorhabe, die Grundlagen der menschlichen Natur zu offen zu legen, habe ich vor ein komplettes wissenschaftliches Gebaeude zu entwerfen, das auf einer fast voellig neuen Basis steht. Die einzige, wie ich annehme, von der aus einigermaßen gesichert geforscht werden kann.

7
Wenn die Wissenschaft ueber den Menschen die einzige ergiebige Basis fuer alle anderen Wissenschaften sein soll, dann sind Erforschen* und Beobachten die einzig moegliche Basis fuer sie selber.

*experience wird mit einer lexikalisch moeglichen Variante wiedergegeben, die eine philosophiehistorische Kritik mit einschließt. Die philosophiegeschichtlichen Kategorien „Empirismus“, „Empirie“ bzw. „Empiriker“ , die haeufig aus erkenntnistheoretischer Sicht auf Hume angewandt wird, scheinen mir ohne naeheres Hinsehen auf das, was Hume im Kontext zu ‚experience‘ ausfuehrt, geeignet das Missverstaendnis zu erzeugen, Hume habe sich mit erkenntnistheoretischen Fragen beschaeftigt.

Orginal

Treatise of Human Nature

Introduction

4

’Tis evident, that all the sciences have a relation, greater or less, to human nature; and that however wide any of them may seem to run from it, they still return back by one passage or another. Even Mathematics, Natural Philosophy, and Natural Religion, are in some measure dependent on the science of Man; since they lie under the cognizance of men, and are judged of by their powers and faculties. ’Tis impossible to tell what changes and improvements we might make in these sciences were we thoroughly acquainted with the extent and force of human understanding, and cou’d explain the nature of the ideas we employ, and of the operations we perform in our reasonings.

5
If therefore the sciences of Mathematics, Natural Philosophy, and Natural Religion, have such a dependence on the knowledge of man, what may be expected in the other sciences, whose connexion with human nature is more close and intimate? The sole end of logic is to explain the principles and operations of our reasoning faculty, and the nature of our ideas: morals and criticism regard our tastes and sentiments: and politics consider men as united in society, and dependent on each other.


6 Here then is the only expedient, from which we can hope for success in our philosophical researches, to leave the tedious lingring method, which we have hitherto followed, and instead of taking now and then a castle or village on the frontier, to march up directly to the capital or center of these sciences, to human nature itself; which being once masters of, we may every where else hope for an easy victory. From this station we may extend our conquests over all those sciences, which more intimately concern human life, and may afterwards proceed at leisure to discover more fully those, which are the objects of pure curiosity. There is no question of importance, whose decision is not compriz’d in the science of man; and there is none, which can be decided with any certainty, before we become acquainted with that science. In pretending therefore to explain the principles of human nature, we in effect propose a compleat system of the sciences, built on a foundation almost entirely new, and the only one upon which they can stand with any security.  7 And as the science of man is the only solid foundation for the other sciences, so the only solid foundation we can give to this science itself must be laid on experience* and observation.  *An act of knowledge, one or more, by which single facts or general truths are ascertained; experimental knowledge; (Webster’s Revised Unabridged Dictionary)


			

Humes menschliche Dimensionen der Epistemik I


Hume, Descartes und RRRR

Immer wieder kann man bei der Lektuere Humes von ‚Grenzen‘ lesen.
‘Ich habe die Grenzen und die Schwachstellen menschlichen Denkens ausreichend einzuschaetzen gelernt’ ,meinte Hume (vgl. Enquiry concerning Human Understanding, VII, 24.)

‚Ausreichend‘ koennte ein Indiz dafuer sein, dass Grenzen menschlichen Denkens nicht leicht zu akzeptieren sind. Schon ein Blick in die neuzeitliche Geschichte auf Descartes kann belegen, – was auch Hume erwaehnte – dass Philosophen dazu neigen, davon auszugehen, dem menschlichen Denken seien keine Grenzen gesetzt.

Descartes stellte fest – nachdem er erst einmal alles in Zweifel gezogen hatte,

dass mit klaren und eindeutig bestimmbaren Ideen, alles, was von wissenschaftlichem Interesse ist, in den Griff zu bringen sei. Diese Ideen seien durch die Gewissheit des eigenen Geistes und der Vollkommenheit Gottes angemessene Instrumente fuer die Objektivitaet unseres Wissens.

Denn da sich nun ergeben hat, dass selbst Gegenstaende und Ereignisse nicht wirklich von den Sinnen oder von dem Vorstellen, sondern ausschliesslich vom Verstande erkannt werden, und dass diese Erkenntnis nicht auf dem Fuehlen oder Sehen derselben beruht, sondern darauf, dass der Verstand sie auffasst, so erkenne ich klar, dass nichts leichter und sicherer von mir erkannt werden kann als mein Geist.“

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Descartes,+René/Untersuchungen+ueber+die+Grundlagen+der+Philosophie/2.+Ueber+die+Natur+der+menschlichen+Seele,+und+dass+sie+uns+bekannter+ist+als+ihr+Koerper René Descartes‘ philosophische Werke. Abteilung 2, Berlin 1870, S. 39.

Rationale Menschen denken rational.

‚Ratio‘ ist eigentlich das Ergebnis einer Berechnung. Philosophisch haben professionelle Denker diese Rechnerei als ‚Vernunft‘ gekuert. In dem Wort „rationieren“, im Sinne von da wird etwas eingeteilt, weil dieses Etwas eventuell knapp bemessen ist, kommt ein weiterer Aspekt zum Ausdruck. Augustin Thagaste hat diese Rechnerei zur Grundfunktion des Geistes gemacht, die ihn – wie einst Prometheus an die kaukasischen Felsen geschmiedet – zum vernuenftig denken bestimme, wenn er denn nur moechte und hat dies fuer den sichersten Weg zu Gott gehalten. Descartes denkt aehnlich. Er moechte denkend die ganze Welt fassen, und schafft sich einen Gott der ihm gleich ist, nur eben voellig vollkommen. Und damit die relative Vollkommenheit des Denkens in Einklang mit der Vollkommenheit des Denkens Gottes ist, wird die Funktion der Physis als voellig unwichtig abgetan. Mittelalterliche Askese assoziiere ich und die Anekdote, dass Papst Benediktus der Deutsche als junger Professor in Tuebingen zu einer Studentin gesagt haben soll: ‚Ach wissen Sie, wir Kleriker sind ja vom Hals abwaerts empfindungslos.‘

„Da ich nun ein denkendes Ding bin, das eine Vorstellung von Gott hat, so muss auch von meiner Ursache, welche sie auch sei, gelten, dass sie ein denkendes Ding ist, und dass sie eine Vorstellung von allen Vollkommenheiten hat, die ich Gott zuerkenne, und man kann von dieser Ursache wieder fragen, ob sie von sich oder einem Anderen herruehrt. Wenn sie vollkommen ist, so erhellt aus dem Obigen, dass sie Gott selbst ist, denn hat sie die Kraft, durch sich zu | sein, so hat sie unzweifelhaft auch die Kraft, in Wirklichkeit alle Vollkommenheiten zu besitzen, deren Vorstellung sie in sich hat, d.h. alle die, welche ich als in Gott enthalten vorstelle.

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Descartes,+René/Untersuchungen+ueber+die+Grundlagen+der+Philosophie/3.+Ueber+Gott,+und+dass+er+ist
Rene Descartes: Philosophische Untersuchungen I 03. Ueber Gott, und dass er istRené Descartes‘ philosophische Werke. Abteilung 2, Berlin 1870, S. 66|7.

So rechnete Descartes sich Gott aus:

Ich bin ein denkend Ding – also ist Gott ein denkend Ding.
Ich kann mir Gott nur vollkommen denken – also ist Gott vollkommen und zwar so vollkommen, vollkommener geht es gar nicht, ergo gibt es nach Gott nichts mehr! Alles, was ich mir denke, ist auch in Gott enthalten.

Eine Milchmaedchenrechnung ist das in meinen Augen. Sie verraet allzu leicht die Absicht ihres Urhebers und bei mir verstimmt sich da was, so als haette ein kalter Luftzug meinen Nacken beruehrt, sodass ich mich spontan umdrehe, um zu sehen was da sein koennte.

Pluralog

Doch der Schrecken kommt aus meinen Eingeweiden, die erschrecken darueber, dass nur noch der Kopf und sie nichts mehr mit meinem Leben zu tun haben koennten. Das geht doch gar nicht!, schreien einige 1000 Neuronen laut. Ohne Input kein Output, das weiss doch jeder spaetestens seit dieser inputversessene Roboter einen amerikanischen Pass bekommen hat.

Wie kommt es, dass Menschen nicht merken, was sie sich antun, wenn sie selbst glauben, sie seien ein „denkend Ding“.
Da ist nur Kant dran schuld, der hat doch die Vernunft zum Primaten gemachte, ruepelt meine Leber und laeuft gruen an.
Aber das kann doch fuer Descartes nicht zutreffen, der hat doch 300 Jahre frueher philosophiert, gibt mein vorderer Stirnlappen zu bedenken.
Dann eben die Kirche, meint mein rechtes Ohr.
Auch in der Kirche sind doch Menschen, faellt meinem linken Knie ein.
Mein Bauch sagt: Denkt doch an die RRRR-Erklaerung.
Das hast Dir doch gerade ausgedacht, piepst meine Zirbeldruese.
RRRR – rollt meine Nase vor sich hin. Ich glaube, ich kann’s schon riechen.
Die RolfReinholdRichardRorty Erklaerung.
Die beiden Typen kenn ich, schmatzt die Zunge.

Keinen Hut auf, aber davon reden

Nun komme ich und sage: Seid mal alle still, so kann ich doch nicht denken. Protestgeschrei wird laut: Wir denken doch alle mit. Ja, das mag schon sein, aber ihr seid zu laut. Wie soll ich da alles unter einen Hut kriegen. Die Haare wispern: Die hat gar keinen Hut auf. Alles Metaphorik, raunen meine Stimmbaender, die wir inszenieren.

RRRR

Also, was ist das nun mit der RRRR-Erklaerung? fragen die Fuesse, wir muessen das alles wieder ausbaden.
Die RRRR-Erklaerung ist ganz einfach: Alles, was Menschen tun, ist kontingent.
Oder wie Rolf Reinhold sagt: Niemand macht freiwillig Fehler.
Das kann man wenigstens kapieren, schnurrt meine Bauchspeicheldruese.
Ich mache auch immer nur das, was gerade dran ist. Und wenn die anderen nicht richtig funktionieren, bin ich auch dysfunktional.

Man koennte auch sagen, melde ich mich wieder, Menschen sehen ihre Grenzen nicht, weil sie Grenzen haben. Das sind aber zwei Arten von Grenzen. Die letzteren sind die kontingenten, die dadurch entstehen, dass jeder alles so machen moechte, wie die anderen es machen. Weil Menschen es moegen, wenn andere sie akzeptieren. Und die anderen sind Grenzen, die man entdeckt, wenn man die Dinge so macht, wie man sie selbst machen moechte.

Dass Du Grenzen hast, siehst Du? fragen die Amygdalaes.
Ich glaub schon.

Aufklärung

 

 

Sachgemäßer Gebrauch menschlicher Physis

Es entspricht einem von Vertretern unterschiedlichster Wissenschaften komponierten Bild unserer europäischen Geschichte, bestimmte Jahrhunderte als aufgeklärt zu bezeichnen und andere nicht. Von Kant stammte für die deutsche Sicht auf die Zeit der Aufklärung die bekannte Aufforderung an seine zeitgenössischen Wissenschaftskollegen: „Habe Mut Dich Deines Verstandes zu bedienen!“ Im Kontext erläuterte er dazu: Der Mensch solle sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien. Selbstverschuldet sei diese dann, wenn Menschen nicht den Mut fänden, ohne Leitung durch fremde Autoritäten eigenständig zu denken (Vgl. Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Erstdruck in: Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784, S. 481-494. In der elektronischen Edition des Bonner Kant Korpus unter http://www.korpora.org/Kant/aa08/035.html) Möglicherweise dachte er dabei daran, welchen Mut er aufbringen musste, um in Anwesenheit von preußischen Sicherheitsbeamten öffentlich seine Sichten über Gott und die Welt vorzutragen, die gemäß oberster Anordnung darauf zu achten hatten, dass niemand in Preußen christliche Auffassungen in Frage stellte.

Eventuell aber hatte er dabei noch mehr im Blick, wie entmutigend auf ihn die erzwungene Übernahme fremden Denkens und Handelns als Kind, Schüler und Student gewirkt hatte und wie schwer es ihm schließlich gefallen war, eigene Wege zu finden. „Es ist … für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat  sie sogar lieb gewonnen und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon  machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalsten Graben einen nur unsicheren Sprung thun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher giebt es nur Wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit heraus zu wickeln und dennoch einen sicheren Gang zu thun. “ (http://www.korpora.org/Kant/aa08/036.html)

 

 

Dialog

Schlussfolgerungen aus meiner diskontinuierlichen und schwierigen Entwicklung zu einem ‚mutigen‘ Selberdenken lassen mich vermuten, dass die konkreten Veränderungen in den mit ‚Aufklärung‘ bezeichneten Jahrhunderten Vorläufer gehabt haben dürften, die weit davor zu finden sein könnten.

Es stellt sich außerdem die Frage, im Hinblick worauf ein Mensch den eigenständigen Gebrauch seines Verstandes ausübt und optimiert, wenn er eigene Wege gehen möchte und welches der Rahmen dafür sein könnte, wenn Eigenes gefunden und gedacht werden möchte.

Erste Hinweise zu einer Antwort, hatte ich schon als junges Mädchen beim platonischen Sokrates gefunden. Zum einen faszinierten mich die Dialoge. Seine Fragen stellten andere vor Fragen, die diese sich ohne ihn möglicherweise nicht gestellt haben dürften. Zum zweiten faszinierte mich, dass er konsequent seinen eigenen Entscheidungen und Werten folgte, auch wenn sie ihm Nachteile einbrachten. Und drittens gefiel mir, dass er nicht vorgab, über etwas Bescheid zu wissen, was er nicht kannte.

Dialog, eigenes Entscheiden und Orientieren an eigenen Kenntnissen waren dann die Aktivitäten und Ideale, denen ich in den Jahrzehnten bis heute folge. Es hat mich viel Zeit und Energie gekostet, herauszufinden, was an ‚metaphysischen Erkenntnissen‘ dran sei, die ich im Anschluss an meine Faszination für den platonischen Sokrates, bei Platon und Augustinus, bei Descartes, Pascal und Kant interessiert erkundete. Dies geschah über viele Jahre gemeinsam im Dialog über die metaphysischen und erkenntnistheoretischen Forschungen meines ersten Philosophieprofessors, im Laufe dessen sich eine freundschaftliche Verbindung entwickelte. Eigenständige Forschungen auf diesem Gebiet – zu denen er mich herausforderte – haben mich schlussfolgern lassen, dass an Kenntnissen auf dem Gebiet der Metaphysik und der Erkenntnistheorie im Hinblick auf Vernunft, Geist, Wahrheit, Seele … für mich nichts zu finden war. Letzteres wurde mir erst nach und nach klar, indem andere mich fragten und ich mich in Gesprächen in Frage stellen ließ. Rolf Reinhold schoss in dieser Hinsicht den Vogel ab, indem er für mich überzeugend meinte: „Ich weiß nicht, was Geist ist!“ Meine Behauptung, ich könne ihm das erklären, ließ sich falsifizieren.

So entwickelte sich ein weiterer wichtiger Dialog in meinem Leben, der mit einem Experiment für mich begann. Dieses Experiment möchte ich heute als „Aufklärung“ bezeichnen. Es ermöglichte mir und ermöglicht es noch eigenen Entscheidungen und Werten zu folgen und mich an meinen eigenen Kenntnissen zu orientieren.

 

Orientierung an Kenntnissen

David Hume’s Kenntnisse über Grundlagen und Funktionsweisen menschlichen Denkens und Handelns – kurz zusammengefasst seine Kenntnisse über die menschliche Natur – die ich hier ausschnittweise veröffentliche, sind in den letzten Monaten zu einem weiteren faszinierenden Gegenstand geworden, bei deren Erforschung ich mir weitere Anregung für mein Selberdenken und Entscheiden erhoffe. Als ich noch damit beschäftigt war, ‚metaphysische Erkenntnisse‘ zum Bezugsrahmen meines eigenen Denkens zu machen, konnte ich mit Hume wenig anfangen. Ein Schicksal das auch heute noch viele Hume-Interpretatoren auf ihre je eigene Weise erleiden.

Im Unterschied zu früher verzichte ich auf ‚Erkenntnisse‘ und beziehe mich auf Kenntnisse. ‚Kenntnisse‘ waren auch für die bekanntesten schottischen Aufklärer Locke und Hume Ausgangspunkt für ihren Wunsch, philosophie-wissenschaftliche Verbesserungen zu erreichen, die dem einzelnen und der Gesellschaft Anleitungen zu einem lebenswerten Leben liefern könnten. Sie taten dies im Gespräch untereinander mit Naturwissenschaftlern, insbesondere Medizinern.

Die Ideen zu neuen Konzepten über die menschliche Natur waren schon seit längerem im Umlauf. Allerdings wurde der Zugriff auf sie erschwert, weil die ‚Natur des Menschen‘ durch die christlich-theologische Philosophie mit konträren metaphysischen Denkfiguren und intelligiblen Erkenntnissen gläubig erklärt war. Diese Erklärungen wurden als Wissen gehandelt, von Laien gläubig übernommen und umgesetzt.  Diese Tradition konnte man kritisieren, aber man konnte sie nicht einfach aushebeln. Jeder dieser Aufklärer brauchte angesichts dieser starken Übermacht Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und eigene Sichten auf anderer Grundlage zu publizieren.

Skepsis 1

Hume sah sich mit der ersten Veröffentlichung seiner ABHANDLUNG ÜBER DIE MENSCHLICHE NATUR den Anfeindungen der christlichen Fundamentalisten – Hume nannte sie biblisch ‚Zeloten‘ – ausgesetzt. Diese Anfeindungen begleiteten ihn sein ganzes Leben und verhinderten eine akademische Laufbahn, die er sich gewünscht hatte. Im Folgenden aus dem XII. Abschnitt seiner ENQUIRY grenzte er sich von der klerikal-philosophischen Sicht auf Skeptiker ab und skizzierte seine eigene Skepsis.

„Der Skeptiker wird als einer der Feinde der Religion betrachte, was unvermeidlich die Empörung aller religiösen und streng scholastisch denkenden Philosophen hervorrufen muss. Sie halten ihn für einen Menschen, der weder eine fundierte Meinung, noch eigene Grundsätze hat, noch je über Handeln und Kenntnisse zu bilden in der Lage sei.  M.E. dürfte es auszuschließen sein, dass man einem Menschen mit einer derart desolaten Verfassung begegnen dürfte oder ihm je begegnet ist.“ (ENQUIRY XII,2)

„Aus meiner Sicht allerdings ist eine bestimmte Art von Skepsis eine notwendige Bedingung für das wissenschaftliche Studium. Diese von mir praktizierte gemäßigtere Skepsis scheint mir sehr plausibel, denn sie sorgt für die Unvoreingenommenheit unserer Urteilsfähigkeit und entzieht uns alle jene Vorurteile, die wir durch Erziehung, Bildung oder unreflektiert übernommene  Überzeugungen aufgenommen haben.  Wir beginnen im Sinne dieser Skepsis mit klaren und sich aus der Sache ergebenden Grundannahmen, gehen behutsam und jeden Schritt sichernd weiter, überdenken immer wieder unsere Schlussfolgerungen und prüfen die sich daraus ergebenden weiteren Folgen sehr genau. Zwar werden wir auf diese Weise nur langsam und in geringem Umfang vorankommen, aber ich halte dies für die einzigen Methoden, durch die wir hoffen können, Zutreffendes herauszufinden und einigermaßen solide und gut begründete Aussagen machen zu können.“ (ENQUIRY XII,4)


Der Text der ENQUIRY CONCERNING HUMAN UNDERSTANDING in gut lesbarem Englisch

Das Copyright dieses Textes liegt beim Autor Jonathan F. Bennett. Er genehmigte auf seiner Website die non-profit-mäßige Veröffentlichung seiner Arbeiten. http://www.earlymoderntexts.com/

Hinsehen

Hume erläuterte vor 250 Jahren die Vorteile seiner „offensichtlichen Philosophie“ gegenüber der „verborgenen“: Die „offensichtliche“ Philosophie will dem Menschen der Gegenwart „Modelle menschlicher Ganzheit“ an die Hand geben, die dem Handeln dienen können. Sie möchte dazu „den Schatz der Kenntnisse“ durch das eine oder andere bereichern.

Die Ergebnisse seiner Schatzsuche hat Hume auf der Basis von medizinischen und naturwissenschaftlichen Kenntnissen seiner Zeit und durch die ‚experimentelle Methode des Nachdenkens, Überlegens und Reflektierens‘ in seiner „Abhandlung über die menschliche Natur“ ausführlich und auf das wesentlichste beschränkt in seiner „Untersuchung des menschlichen Verstandes“ veröffentlicht.

Hume hat sich über traditionelle Sichten hinweggesetzt, weil sie aus seiner Sicht alte Sichtweisen zementierten, anstatt neue zu ermöglichen. Das was er dabei gefunden hat und wie er vorgegangen ist, kann helfen, Menschliches im Sinne einer Ganzheit authentisch zu optimieren.

Bekannt ist seine differenzierte Sicht auf die als Wissen gehandelte  Selbstverständlichkeit „Kausalität“. Leider haben ihm andere unterstellt, eine neue Kausalitätstheorie entwickelt zu haben. Ihm jedoch war aus meiner Sicht daran gelegen, herauszufinden, wie Menschen zu einer für gewiss gehaltenen Auffassung kommen, für die aus seiner Sicht jede Grundlage in der Sache fehlt.

Sein ausgeprägter Sinn für das Hinsehen auf die Sache kann anregen, die eigenen Sichten auf Sachen und Ereignisse in den Blick zu nehmen.

Über mich

Hume’s Philosophieren vom Offensichtlichen aus fasziniert mich. „offensichtlich“ meint das, was sichtbar wird, wenn man offen für neue Sichten ist.

Der Gedanke, dass nicht ‚verändern‘ des anderen, sondern ‚verändern‘ des eigenen, insbesondere der eigenen Sichten ‚verändernd‘ wirken kann, hat mir vor vielen  Jahren den Startschuss zum ‚verändern‘ meines professionellen und privaten Handelns und Denkens gegeben.

Die Theorie dahinter findet sich schon in vielerlei Hinsicht bei David Hume. Sie ist auch das Angebot des Philosophen Rolf Reinhold, der sie aus seinem eigenen Leben herausgefischt hat.

Zu den Philosophie-Seiten von Rolf Reinhold geht es hier http://eigentlichephilosophie.de/

Ich finde, es kann nützlich sein, Theorien, die ‚verändern‘ ermöglichen, weil sie aus dem Hinsehen auf menschliches Pragma entstanden sind, anderen öffentlich zugänglich zu machen.

Menschliches durch Menschliches reflektieren.

MONIKA WIRTHGEN

HAMBURG


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