Irrtuemer 2


Zur Tradition einer metaphyisch geprägten Hume-Interpretation

Es ist unter Forschern und Interessierten immer wieder die Rede davon,  dass Kant durch Hume aus seinem „dogmatischen Schlummer“ geweckt worden sei. Von welcher Art das Aufwachen Kants im Hinblick auf Hume war, scheint mir fuer die Grundlagenforschung von ‚philosophieren‘ noch kaum untersucht. Im deutschen Sprachraum ueberwog bisher die metaphysisch gepraegte Auffassung, dass Kantisches dem Humeschen ueberlegen sei. Um dies unter Beweis zu stellen, stuelpte man z, B. die kopernikanische Wende zum Subjektivismus ueber Humesches und uebersah dabei, dass Hume nur von seinen eigenen Sichten, d.h. vom Individuellem ausging.  Dies koennte u.a. eine Folge seiner sehr fruehen physiologischen Lektuere und moeglicher spaeterer Teilnahme an physiologischen Vorlesungen der Universitaet Edinburgh gewesen sein. (Vgl. Literaturhinweis „Stewart“ am Schluss.)  

Weil Hume mit ‚mind‘, ’soul‘, ‚understanding‘ … dem gewohnten Sprachgebrauch folgte, unterlegte man ganz selbstverstaendlich metaphysische Inhalte. Man hielt Hume fuer einen Erkenntnistheoretiker, behauptete er habe sich mit Induktion befasst oder er habe eine neue Kausalitaetstheorie entwickelt. Dies u. v. a. m. duerfte einer stimmigen und umfassenden Werkinterpretation Humes im Wege stehen.  Philosophiegeschichtliche Darstellungen unterschiedlichster Autoren duerften an diesem metaphysisch gepraegten Hume-Bild mitgewirkt haben. Schon Wilhelm Gottlieb Tennemann (1761-1819)  betrachtete in seiner Philosophiegeschichte (veroeffentlicht 1798-1819) den Verzicht Humes auf Geist und Metaphysik als den entscheidenden Mangel der „Menschenwissenschaften“. Diese Auffassung von der qualitativen Ueberlegenheit eines auf Geist und metaphysischen Spekulationen gegruendeten ‚philosophieren‘  koennte nachfolgende Forscher bewogen haben, ueber kurze Wege zu interpretieren, ohne den weitlaeufigeren Wegen Humes mehr als noetig nachzuspueren. Tennemann erwaehnte interessanterweise in Verbindung mit den schottischen Sensualisten Locke, Berkeley und Hume den schottischen Mediziner David Hartley (1704-1757), der „Nervenschwingungen“ als Grundlage fuer menschliches Denken betrachtete. (Vgl.: Amadeus Wendt (Hg.): Wilhelm Gottlieb Tennemann: Grundriss der Geschichte der Philosophie fuer den akademischen Unterricht. Leipzig 1829, 5. Aufl., §370. )  

Hume wird in grundlegender Hinsicht traditionell gern als „Aufsehen erregendes Vorlaeuferphaenomen Kants“ betrachtet. „… Kant ohne Hume ist einfach nicht denkbar. Zuerst musste ein groszer, scharfsinniger und tiefbohrender, vor keiner Konsequenz zurueckscheuender Denker, wie Hume, den Rationalismus voellig zerstoeren und den Empirismus zu einem folgerichtigen, in Phaenomenalismus und Skeptizismus sich aufloesenden Abschluss bringen …“ (I. Mirkin: Hat Kant Hume widerlegt? Eine erkenntnistheoretische Untersuchung. Bern 1901. Habil.Schr. Kant-Studien, Band 7, Heft 1-3, Seiten 230–299, dort S.230.) Solche Saetze duerften eine metaphysisch gepraegten Sicht auf die Humesche Grundlegung des ‚philosophieren‘ anzeigen. Sie tragen deutlich Zuege der ersten englischen Humeinterpretationen: 1764 von Thomas Reid (1710-1796) und 1770 von James Beattie (1735-1803). Die Reid-Beattie-Interpretation verhinderte – laut Lambert Wiesing (David Hume: Untersuchung ueber den menschlichen Verstand. Uebers. Raoul Richter. Kommentar v. Lambert Wiesing. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2007, 410-414) und Gerhard Streminger (vgl. Gerhard Streminger: Zur Wirkungsgeschichte David Humes. In: Topitsch&Streminger: Hume. Darmstadt 1981, S. 19-51. wirksam fast 200 Jahre lang jede Art von Interpretationen, die die Komplexitaet Humescher Forschungsergebnisse beruecksichtigten. „Stueckwerkinterpretationen“ (Streminger, ebd. S. 48) waren und sind auf dem Gebiet der Interpretationen der  „Menschenwissenschaften“ allgemein akzeptierter wissenschaftlicher Brauch. Hume hatte 1740 in seinem ABSTRACT zum TREATISE diesen Umstand im Blick. Er bezeichnete es als die Krux fuer die Verbreitung seiner Philosophie, dass der Leser gefordert werde,  weitlaeufige Gedankengaenge zusammenschauend im Gedaechtnis zu behalten, um sich ein zutreffendes Gesamtbild machen zu koennen.  Diese weitlaeufigen Gedankengaenge verkuerzte er fuer die UNTERSUCHUNG UEBER DEN MENSCHLICHEN VERSTAND.

Die Kenntnisse aus Humes „Menschenwissenschaft“ verbreiteten sich philosophisch gewinnbringend unter wenigen. Im deutschsprachigen Raum waren es z.B. die Philosophen Johann August Ulrich (1746-1813) in Jena  und Johann Christian Lossius (1743-1813) in Erfurt.  Lossius bezog seine Forschungsergebnisse UEBER DIE PHYSISCHEN URSACHEN DES WAHREN ausdruecklich auf „Nervenerregungen“. Spaeter folgten Ernst Mach (1838-1916) , Richard Wahle (1857-1935) , Albert Einstein (1879-1955) , Hartwig Kuhlenbeck (1897-1984) , …etc.).  

„Es ist ganz sicher, daß alle Daten der Erfahrung nur gegeben sind beim Bestande menschlicher Sinne und des menschlichen Gehirnes. Wir sagten nicht, daß alle empirischen Daten als Empfindungen in einem Bewusztsein gegeben seien;  […] Aber es ist sicher, daß alle empirischen Vorkommnisse nur bei gleichzeitiger Aktion der Nervenapparate vorhanden sind, also, abgekuerzt gesprochen, an den Bestand von Sinnen gekoppelt sind. Es ist somit moeglich, da man es nur mit Relativitaeten zu tun hat, daß die wahre Natur der Dinge durch die Konkurrenz der Sinne vollstaendig verschleiert ist.“ (Richard Wahle: Die Tragikomoedie der Weisheit — Die Ergebnisse und die Geschichte des Philosophierens (1915); 2. Auflage, 1925, S. 85.)

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