Wirkliche Philosophie …

… bzw. ‚wahre‘ Philosophie zu treiben, war schon als Jugendlicher Hume’s Wunsch gewesen. Ich war „von fruehester Kindheit an, immer fasziniert … von Buechern und Wissenschaften.“, schrieb der 23jaehrige in einem Brief 1734. „Buecher ueber das Denken und die Philosophie, Dichtung und Literatur faszinierten mich [seit ich ungefaehr 15 Jahre alt war] gleichermaszen.“

Fuer Religion interessierte er sich im Hinblick auf die weit verbreitete Behauptung, es gaebe so etwas wie eine angeborene Disposition, dass ein hoeheres Wesen existiere. Dieser Behauptung widersprach er mit seinen philosophischen Forschungen entschieden. Lehren und Zeremonien der Kirchen beeinflussten das menschliche Empfinden fortlaufend – so Hume – und hielten so den religioesen Glauben lebendig. (Vgl. z. B. T. 1.3.8.4)

Doch auch in den Wissenschaften ist das glaeubige Vertrauen in Autoritaeten und die Wissensvermittlung vorherrschend. „Jemand, der mit Philosophie und Aesthetik vertraut ist, weiss, dass diese beiden Wissenschaften bisher nichts weiter erreicht haben, als endlose Dispute zu fuehren, auch wenn es um grundlegendste Themen geht. Waehrend ich die Lektueren eingehend pruefte, fuehlte ich einen unueberwindbaren heftigen Widerstand in mir wachsen, weiterhin irgendwelchen Autoritaeten auf diesem Gebiet zu folgen. Ich hielt Ausschau nach neuen Mitteln, mit dem ich zutreffende Ergebnisse wuerde finden koennen. Nach vielen Studien und Gedanken darueber schienen sich mir neue Sichten zu oeffnen – Ich war ungefaehr 18 Jahre alt -, die mich ueber alle ueblichen Standards hinausfuehrten.“ (Brief an einen Arzt: Burton: Life and correspondence of David Hume .)

Hume erlebte bald, dass seine „wirkliche Philosophie“ ihm anstelle des von ihm gewuenschten regen Gedankenaustausches nichts als Ablehnung einbrachte. „Ich habe mir die Feindschaft aller Metaphysiker, Logiker, Mathematiker und sogar der Theologen zugezogen. Ich habe sie angegriffen und in ihrer Ehre gekraenkt. Darf ich mich da wundern, dass ich leiden muss? Ich habe ihre Denkgebaeude in Frage gestellt: Wieso bin ich eigentlich ueberrascht, dass sie fuer mich und meine Person nichts als Ablehnung uebrig haben? „ (Treatise 1.4.7.2)

Was hatte ihn zu einem verfemten Auszenseiter gemacht? Es handelte sich um skeptische Sichten, die er fuer unerlaesslich hielt und die Weigerung, Autoritaeten zu folgen, die aus seiner Sicht fuer den unproduktiven Skeptizimus sorgten, den kirchliche Autoritaeten Philosophen wie ihm unterstellten. ‚Dabei tue ich nichts anderes, als die Dinge genau so zu betrachten, wie sie sich mir zeigen.‘ (Vgl. Treatise 1.4.7.3) Dieses protagoraeische Philosophieren, das durch christliche und metaphysische Sichten, von Theologen und Philosophen durch die Jahrhunderte als anthropologisch gefaehrlich verteufelt worden war, war der Anlass fuer den Misserfolg seiner fruehen Veroeffentlichungen und fuer die allgemeine Ablehnung seiner neuen Sichten.

Die Dinge so zu betrachten, wie sie sich zeigen, hiesz fuer Hume, so zu philosophieren, wie es dem Menschen entsprechend der Funktionsweise seines Gehirns und anderer Organe und dem daraus folgenden Tun moeglich ist. Er ging davon aus, dass alles, was Menschen kennen und ueber das sie mit einer wahrscheinlichen Gewissheit reden koennen, aus koerperlichen Ereignissen, vor allem aus Ereignissen in unseren Sinnesorganen herruehrt. Damit folgte er dem Kenntnisstand von Physiologen und Anatomen seiner Zeit. Davon ging auch sein Zeitgenosse Condillac aus.

Alle Aussagen, die sich nicht auf koerperliche Ereignisse, also ’sensations‘ zurueckfuehren lassen, sind nicht ‚wirklich‘ philosophisch. Im Menschen tauchen diese ’sensations‘ als ‚perceptions‘ auf. Letztere sind individuelle Vorstellungen und Empfindungen – die jeder, bei sich selber beobachten kann – von denen ausgehend, Menschen zu Kenntnissen kommen.

Es ist hier nahe liegend an Berkeley zu denken. Dessen Philosophieren hat fuer Hume in der Tat anregend gewirkt. Hume zitiert ihn wiederholt im ersten Band seines Treatise. Das gilt auch fuer Professoren an der Edinburger Universitaet, von denen sich einige regelmaeszig in der ersten Wissenschaftsgesellschaft Schottlands trafen und dort neue philosophische Sichten diskutierten. Hume war ebenfalls Teilnehmer in dieser Runde, die sich nach dem Gasthaus in dem sie tagten, RANKANIAN CLUB nannte. Ueber diesen Club soll Berkeley gesagt haben: „Niemand auszer diesen jungen Leuten in Nordbritannien, hat meine Art des Philosophierens besser verstanden.“ (vgl. William Christian Lehmann: Henry Home, Lord Kames, and the Scottish enlightenment. Berlin 1971, S.52. Google-Buch)

Der Mainstream von Hume’s philosophierenden Zeitgenossen ging davon aus, dass Philosophieren sich im Geist des Menschen abspielt, an dem ’sensations‘ nur marginal beteiligt sind. ‚perceptions‘, also Perzeptionen, bzw. Apperzeptionen wie Leibniz differenzierte, hatten eine geistigen Natur bzw. waren Produkte aus geistigen Aktivitaeten, und wurden moeglicherweise angeregt durch ’sensations‘. Hume liesz sich nicht darueber aus, ob die ‚perceptions‘ geistiger Natur sind: ihm genuegte es festzustellen, dass sie auftauchen und dass sie als Basis fuer Denken und Handeln fungieren. „Es genuegt mir, wenn ich anlaesslich von eigenen Beobachtungen sagen kann, wie meine Sinne affiziert werden und wie die ‚perceptions‘ miteinander verbunden werden. Das reicht aus, um ein (lebenswertes) Leben zu leben und das reicht auch fuer meine Philosophie. Ich moechte die ‚perceptions‘ lediglich beschreiben und – so weit wie möglich – ihre Ursachen erforschen.“ (T. 1.2.5.26)

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